Eric Schönemeier: „Chicken McNuggets schmecken immer gleich.“


Eric Schönemeier hat sich bereits einen Namen mit der Downstairs Galerie und der Clubveranstaltung „La Ritournelle“ gemacht. Sein neuestes Projekt heißt „Club der Bürger“. Und wo könnte dieser besser ein Forum zum Austausch und ausgelassenem Feiern finden, als im Münchner Bürgerhaus Glockenbachwerkstatt? Austausch wird beim Club der Bürger wortwörtlich genommen, es wurde ähnlich wie auf dem Pausenhof zwar nicht mit Hanuta-Fußballbildchen gefeilscht, aber mit Bürgersticker, um sein Bürgerbuch zu schmücken. Unter dem Motto: „Sammeln, Tauschen, Kleben, Lieben und Leben“ fand am 23. Novemeber 2012 der dritte Club der Bürger statt.

„Erich sei Ehrlich“ heißt du auf Facebook – was hat es damit auf sich?

Das ist in erster Line ein Wortspiel und ein Deckname für Facebook, aber eigentlich erinnert er daran, wie wichtig Ehrlichkeit in unserer Gesellschaft sein sollte. Quasi als eine kleine tägliche Erinnerung an die guten Vorsätze.

Versteckt sich einer deiner guten Vorsätze auch hinter dem „Club der Bürger“, das klingt schon ein bisschen hochtrabend. Was hat es damit auf sich?

Die Idee kam diesen Sommer auf, als ich mit ein paar Freunden feststellte, das sich diese Überdrüssigkeit im Nachtleben eingestellt hat, sowie Chicken McNuggets eben auch immer gleich schmecken. Es war das Verlangen, etwas Neues zu schmecken. Der Grundgedanke am Club der Bürger ist dabei ähnlich wie der hinter der Downstairs Galerie: Er soll als Kommunikationsplattform dienen und eine lockere Atmosphäre schaffen. Im Juni diesen Jahres hieß es dann zum ersten Mal: Die Glocke gehört uns und wir machen sie zum Tollhaus. Und nun gehen wir – Matthias Lamsfuß, Marc Meden und ich – dem dritten Club der Bürger entgegen. Fortsetzung folgt.

Welche Rolle spielt dabei die Glockenbachwerkstatt, die man sonst eher als Jungendzentrum oder von Hip Hop Sessions kennt?

Es ist natürlich naheliegend, dass der Veranstaltungsname mit dieser Lokalität verknüpft ist. Ich muss zugeben, dass ich zunächst als letztes darauf gekommen wäre, in der Glockenbachwerkstatt eine Partyreihe zu veranstalten. Aber es hat sich durch Zufall ergeben. Nicht nur von der Perspektive der Münchner Clubszene ist es ein genialer Ort. Es ist ein freies Feld, das genutzt werden kann, indem quasi kein Booker und DJ Heimvorteil hat. Somit entsteht eine gesellige Atmosphäre fern ab von dem, was man an etablierten Clubabenden kennt. Viele verschiedene Fraktionen treffen hier aufeinander vom Charlie, Atomic Café, Mjunik Disco, Flamingo Gang über Wildes Rumgetanze. Es gibt eine spannende Kombination aus Konzert, DJ-Sets und Kunstinstallationen. Musikalisch klingt das von den Jungs der Pfandfinderei bis hin zu Urgesteinen der Szene wie Christian Prommer.

Wenn es ein Club der Bürger ist, darf dann quasi jeder mitmachen – oder ist das ein Münchner Exklusiv-Club?

Das ist es sicherlich nicht. Was ein bisschen exklusiv ist, das sind unsere Aufkleber zum: Sammeln, Tauschen, Kleben. Heute gibt es wieder die Möglichkeit die nächsten 20 Sticker für das Bürgerbuch zu ergattern. An seinen personalisierten Sticker kommt man, indem man sich produktiv an der Veranstaltung beteiligt vom Türsteher bis zum DJ. Bewerbungen können ab sofort an den Bürger Meister weitergeleitet werden. Aber nicht traurig sein, falls er einmal grimmig oder mit größerer Verzögerung antwortet – er ist auch nur ein Mensch. Er wird später auf der Party natürlich seiner bürgerlichen Mittler-Pflicht nachkommen.

Ihr lasst uns also mit Bürger-„Panni-Heftchen“ spielen – aber haben diese Aufkleber auch eine besondere Funktion?

Es ist ein Bürgerausweis mit Nummer auf Klebefolie gedruckt. Auf der Veranstaltung können sie getauscht werden, aber keine Sorge wer noch keine Eigenen hat, der bekommt an der Kasse auch ein Päckchen zum Tauschen – keiner geht leer aus. Dieses Miteinander bricht im Nachtleben die anonyme Schwelle visuell sowie physisch. Man unterhält sich über die Sprüche, ergänzt sein Repertoire oder wird beklebt.

Ein Bürgerausweis, ein Club für Bürger, ein Bürger Meister – warum dieses altmodische Labeling? Bürger zu sein ist doch längst kein Prädikat mehr?

Seit der Nachkriegszeit hat sich die Bedeutung vom Bürgertum extrem verändert. Man verbindet es nicht mehr automatisch mit dem Bildungsbürgertum des 18.Jahrhunderts. Heute hat das Wort in unserem Sprachgebrauch eine negative Konotation, die mitschwingt. Der Bürger ist ein Begriff für jeden Menschen, aber warum soll das nun auf einmal schlecht sein – der Bürger ist das Wichtigste unseres gesamten Gesellschaftsentwurfs. Er nimmt aktiv an der Demokratie teil. Vielleicht mag es an dem Gefühl liegen nur bedingt Einfluss auf die Demokratie zu haben, denn es gibt wenig Handlungsmöglichkeiten innerhalb der abstrakten Prozesse im Kapitalismus, den heutzutage kaum noch jemand versteht.

Was du da sagst mag stimmen, aber wie sieht dein Plädoyer für das Bürgertum aus?

Ich finde den inflationären Gebrauch des „Bürgers“ sehr schade. Dabei müsste man den Mut haben ein Teil vom Ganzen zu sein. Und sich ins Bewusstsein rufen, dass man als Gruppe zusammen etwas erreichen kann. Das konnte man hautnah an der Eigendynamik Rund um die Erhaltung des Bolzplatzes hier im Glockenbachviertel erleben. Den Hinterhof der Glockenbachwerkstatt sollte noch vor Kurzem dem Erdboden gleichgemacht werden, um Luxusappartements zu weichen. Durch das Engagement vieler – nicht nur Prominenter wie der Sportfreunde Stiller oder Blumentopf – wurde der Stadt ein Strich durch die Rechnung gemacht. Ich plädiere für den Aufschwung des Bürgers!

Hier findet ihr die Mitglieder des Club der Bürger.

Eindrücke vom CLUB DER BűRGER #3 – Sammeln, Tauschen, Kleben, Lieben und Leben:








There is one comment

  1. FALSCH

    Der Begriff „Bürger“ hat für mich gar nichts negatives in dem Sinne, eher etwas gleichgültiges. Bürger ist ja jeder irgendwie. Obwohl der Begriff „Bürger“ eigentlich grundgesetzliche Rechte impliziert, die aber meist nicht wahrgenommen werden, läuft mir doch bei dem Wort das Wasser im Munde zusammen und ich spiele mit dem Gedanken demnächst einen Schachtelwirt aufzusuchen um meinen Gelüsten freien Lauf zu lassen. Auf Grund guter Vorsätze werde ich es aber vielleicht lieber bleiben lassen und meinem marktwirtschaftlich fundiertem Recht auf Fleischkonsum in Brötchenmantel nicht nachkommen.
    Mächtiges Spagettimonster steh mir bei!

    Ungesättigten Gruß!
    Ihr Falsch

    (Bitte auf Fotos von Pastafari-Anhängern das Nudelsieb in Zukunft nicht vergessen, es wurde hart dafür gekämpft)…

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