Melanie Kahlke: „Mich interessiert Haltung.“

Melanie Kahlke (c) Julia Leinweber

Melanie Kahlke studiert Kunstpädagogik und Interdisziplinäre Projekte bei Professor Res Ingold an der Akademie der Bildenen Künste München. Sie ist direkt und nie um eine schlagfertige Antwort verlegen. Macht sie eine Ansage, dann sind die Dinge glasklar – vor allem wenn es um Kunst oder den Kunstbetrieb geht. Das ist wertvoll und wird geschätzt, in einer Zeit in der die Frage, was die Kunst an einem Kunstwerk denn nun eigentlich sei, verschwommener denn je ist.

Melanie hält sich eher bedeckt, wenn es um ihre eigenen künstlerischen Arbeiten geht. In der Öffentlichkeit steht sie zunehmend mit den Werken anderer Künstler: Sie organisiert Veranstaltungen und kuratiert Ausstellungen. Damit macht sie die Auswahl und die Auseinandersetzung mit künstlerischen Positionen wiederrum doch zu einem wichtigen Teil ihres eigenen Schaffens.

Mit dem unabhängigen Filmfest Zinema LINGG im Dezember 2011, einer Intervention im AABER Artspace 2012 und der Kuration der Ausstellung „GO AHEAD YOUNG MAN“ im Weltraum, die noch bis zum 07.02.2013 läuft, hat sie in München deutlich gezeigt, dass Kunst zu einem interessierten Publikum finden kann – ohne die derzeit so im Trend liegende Kunst-Party Schiene zu bedienen.

Ein Gespräch mit Melanie über ihre Suche nach Haltung im Kunstbetrieb.

Melanie, eigentlich bist du Kunstschaffende. Seit fast zwei Jahren bist du aber auch auf der genau entgegengesetzten Position tätig. Du veranstaltest und kuratierst. Warum?

Ich hätte mich selbst nie als Kuratorin bezeichnet, sondern mich als Kunstschaffende gesehen, die sich – über einen kritischen Diskurs – mit Künstlern und deren künstlerischen Positionen auseinandersetzt. Fast schon die Hälfte meines Lebens beschäftige ich mich mit der Kunst. Mir ist, vor allem seitdem ich selbst Studentin der Kunst bin, aufgefallen, dass die Begrifflichkeiten um Kunst völlig verhunzt sind. Kunst ist hip und käuflich, muss sich aber zeitgleich ständig rechtfertigen. Kaum jemand kann eigentlich sagen was Kunst ist, schmückt sich aber gerne mit ihr. Es ist so eine Mischung aus Respekt – weil hip und Lifestyle dekorierend- und Diskreditierung. Damit meine ich unwissenden Umgang mit ihr. Meiner Meinung nach Bedarf es aber sehr viel Wissen und Verantwortung, um sich dieser Begrifflichkeit zu nähern. Doch es geht mir nicht darum, einen eigens erkorenen Kunstbegriff innerhalb eines Wertungssystems zu definieren. Sondern vielmehr darum, anhand von Kunst, Kunst zu vermitteln mit dem Ziel einen angemessenen Umgang zu finden. Fragen zu stellen hat noch nie geschadet. Ich unterhalte mich gerne, spreche gerne über die Umwege von der Empfindung zum Werk.

Der Begriff Kunst ist schwer zu definieren, da gebe ich dir Recht. Nicht umsonst kommt der Spruch „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ in unserer Generation so gut an. Was ist denn für dich Kunst?

Kunst fasst irgendwie Wertvolles im Leben zusammen. Etwas wird innerhalb einer entwickelten Technik oder Tätigkeit auf den Punkt gebracht und kann dann von einem Subjekt betrachtet werden. Erfahrungen und Wissen werden transportiert und wiederum produziert. In der Kunst finden sich neue Erkenntnisse, in denen sich Synergien oder Analogien aufzeigen. Kunst ist für mich kein dekoratives Produkt. Für mich ist sie auch Auswahl und Hinzeigen. Kunst bedeutet für mich u.a. materialisierte Haltung. Denn Kunst bedeutet auch, dass ein Werk völlig aus dem Leben reißen kann. Kunst bewegt mich.

Kannst du das genauer erklären? Was hat Haltung mit dem Kunstbegriff für dich zu tun?

Während meines Studiums ist mir aufgefallen, dass sich in epochalen Abschnitten bestimmte Phänomene abzeichnen. In der Subkultur bilden sich immer wieder Szenen, in denen sich Begrifflichkeiten bilden, wie zum Beispiel die der Beatgeneration oder die der Avantgarde. Dabei sind sich sehr viele Leute der historischen Wortbedeutungen gar nicht bewusst. Vorallem die Avantgarde ist da so ein spezieller Begriff, der momentan oft fällt, weil die Charakteristik der Avantgarde –Provokation, Innovation, Selbstreflexion- ganz wunderbar in die aktuelle Vorstellung von Coolness passt. Es gibt Begriffe, die spiegeln einen bestimmten Zeitgeist wieder. Und es gibt auch personifizierte Momente in der Subkultur, die sich als relevant erweisen, weil sie heute so noch funktionieren. Zum Beispiel ist Thelonious Monk der transatlantische Inbegriff des „Hipsters“ aus den 40er Jahren in den USA und noch heute der Inbegriff des „Cool“. Er verkörperte eine Haltung, die nach achzig Jahren noch Gesprächsstoff liefert. Für den Kunstbegriff würde ich daraus ableiten, dass mich die Haltung und das Schaffen einer solchen Person interessiert. Wenn jemand Kunst macht, dann doch anständig und bestenfalls so, dass sie länger nachklingt als ein Wimpernschlag. Ich denke eine hohe Niveaudichte – damit meine ich nicht höchstgradig kompliziertes intellektuelles Futter – könnte durchaus relevant sein für eine interessante, erwähnenswerte Haltung.

Nehmen wir als aktuelles Beispiel die von dir kuratierte Ausstellung im Münchner Weltraum „GO AHEAD YOUNG MAN“. Wie ist das da mit der künstlerischen Haltung?

Für mich ist die Suche nach der Haltung bei den Künstlern Tim Freiwald und Johnny Koch der Ausgangspunkt und Leitfaden, um eine entsprechende Präsentationform für ihre Arbeiten zu finden. Bei GO AHEAD YOUNG MAN arbeite ich diese heraus, zeige meine Erkenntnisse zu allererst dem Künstler selbst und dann gibt es Momente der Freude, weil der Eine sich verstanden fühlt und dem Anderen sich doch tatsächlich ein kleiner Kosmos erschlossen hat. Die künstlerische Haltung, die sich im Werk manifestiert, dass ist für den Künstler der Punkt des In-Erscheinung-treten. Da veräußert und präsentiert er sich. Für mich ist es genau an diesem Punkt mein Ziel, den Künstler genau so zu zeigen, wie er ist. Ich will dem Publikum nichts vorgaukeln.

Melanie Kahlke vor den Werken von Tim Freiwald und Johnny Koch

Wie sieht deine Suche nach Haltung konkret aus?

Ich übe mich in gezielter Konzentration und Präzision. Ich schau mir die Werke an, denke über die Künstler nach und über die Jahre ihres Schaffens, wühle mich durch Kataloge und Texte um zu sehen was schon über sie verfasst und aufgedeckt wurde. Ich lasse mir die Arbeiten direkt zeigen und dann kommen eben diese Fragen, von denen ich mir vorstelle, dass sie auch von Anderen gefragt werden würden: „Du Tim, deine Arbeit sind irgendwie so verkopft, Johnny’s Sachen sind viel zugänglicher. Was machst du da eigentlich so lang mit den Farbschichten rum?“ Ich muss mir klar darüber werden, was ich über den Künstler aussagen will. Ich gehe den Arbeiten auf den Grund.

Welche Erkenntnisse hast du aus der Arbeit mit den Künstlern Tim Freiwald und Johnny Koch gezogen?

Was ich faszinierend an Tim und Johnny finde ist, dass die Ergebnisse ihrer Malerei total unterschiedlich sind, obwohl sie eine ähnliche Wellenlänge haben. Tim arbeitet an 15 Bildern gleichzeitig über einen Zeitraum von drei Jahren. Die Gemälde sind wie eine Art Logbuch. Jede Fläche ist eine Entscheidung. Der Abwägungsprozess wird zum Projektil seines Schaffens. Viele sehen in Tims Bildern nur eine schöne Farbkomposition, der Knackpunkt ist aber die Schichtung der Ebenen, die eine Art Epidermis ergeben. Da ist keine Raumillusion, sondern ein Raum wird definiert. Es soll nicht sein wie Rothko – es ist viel mehr poetisch.

Wichtig bei Johnny sind Worte auf Materialien – er arbeitet mit Beton oder Holz, aber auch mit Aquarell und Papier. Der Betrachter wird konfrontiert mit Worten und Sätzen wie: „Why so serious? Buy a gun. Be my hamlet. Lets get lost. Here you are. I´m still confused but on a higher level.“ Das sind Arbeiten, die konkret ansprechen. What you see, is what you get. Ein Typograf ist er jedoch nicht, sondern Maler und inspiriert von Ed Ruscha.

Für mich überschneiden sich Tim und Johnny durch die Poetik und ihr Lebensgefühl. Ihre Grundhaltung besteht darin, aus ihren inneren Fragestellungen Bilder herstellen zu wollen, mit allen Entscheidungen, die dafür notwendig sind. Dafür richten sie sich ihr ganzes Leben ein, samt Bildungsweg, Lebensform, Tagesabläufen. Inhaltlich nehmen sie Stellung zu vielen Fragen. Was sind die 80er? Was ist schön? Was soll das ganze um Berlin? Sollen wir aufgeben? Antworten sind den Titeln der Werkgruppen in der aktuellen Ausstellung zu entnehmen.

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Melanie Kahlke bei Flachware

Zum Blog der Ausstellung GO AHEAD YOUNG MAN

Video zur Ausstellung:

Go Ahead Young Man // Ausstellungseröffnung/ 31.1.13 / Tim Freiwald & Johnny Koch kuratiert von Melanie Kahlke from Melanie Kahlke on Vimeo.

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Eindrücke von der Vernissage „Go Ahead Young Men“ im Weltraum

These are not the eigthies

best electro mix 2011

idosex

goaheadyoungman

Eindrücke der Ausstellung GO AHEAD YOUNG MAN im Weltraum (c) Rudolf Becker

Eindrücke der Ausstellung GO AHEAD YOUNG MAN im Weltraum (c) Rudolf Becker

Fotos: Porträt – Julia Leinweber; Veranstaltung – Rudolf Becker

There are 9 comments

  1. Veronika Christine Dräxler

    Ja, es ist so wie @Falschetto es sagt. Die wöchentliche Taktung dient dazu, damit mehr Künstler ihre Werke in den Räumen zeigen können. Ein sehr pragmatischer Grund..

  2. FALSCH

    … der Weltraum scheint endlich, aber vielleicht gibt es unendlich Welträume …

    das mit der Taktung hat mich auf eine Idee gebracht die ich aber wegen Zeitmangels in meinem eigenen Weltraum wohl kaum umsetzten werde: die Minutengalerie. Da so etwas jedoch nur im Netz umzusetzen ist kommt eventuell doch eines Tages die minutengalerie.de (Da bei dem Projekt der stressige Um- und Aufbau, die Pressearbeit, Menschen einladen, Aufräumen, Kotze wegwischen ect ect wegfällt, scheint es im Bereich des Möglichen zu liegen.)

    btw: Finger weg die Domain ist schon meine (-;

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