Bill Schulz: „Über die Helvetica bin ich hinweg wie über billiges Hackfleisch.“

Bill_Schluz-Happen©Natalie_Mayroth

Es ist Sonntagabend, es ist dunkel und es regnet. Wir sind in Zürich, irgendwann im März, es ist noch immer kalt. Ich trage ein Plastiksackerl mit mir herum, gefüllt mit frischem Schnittlauch, einer von mir selbst gemachten, eingefrorenen veganen Rote Beete Suppe vom 27. November 2012, ein bisschen Brot vom Frühstück, einem Apfel, einer Banane und zwei Kiwis. Mehr gab es bei mir nicht zu holen. Ich bin auf dem Weg zu Bill, der mir ein Mal im Bus nach München den Sitzplatz neben ihm angeboten hat.

Bill Schulz arbeitet als Editorial Designer bei der Züricher Agentur Crafft und ist nebenbei der Gestalter von Happ-en. Happ-en ist eines dieser guten gratis Hefte, die an fast zu wenig Orten ausliegen und immer gleich vergriffen sind. Gedruckt auf Zeitungspapier und in einem angenehmen, beinah A4-Format zeigt uns Happ-en Neues vom Tellerrand. Ein Heft übers Essen, eines Herausgeber, der selbst von sich sagt, dass er gar nicht kochen kann und dessen Obstsalat nach Gulasch aussieht, obwohl er nur drei Früchte beinhaltet. Das tut das Magazin zum Glück nicht. Es hat schöne Typo und ein tatsächlich mal nicht langweilig werdendes Layout, weil es unvorhersehbar daherkommt und dazu auch noch inhaltlich überzeugt. Happ-en ist mit viel Liebe zubereitet und endlich etwas, was nicht verkocht wurde, obwohl gleich fünf Menschen dafür verantwortlich sind. Das macht das Heft zu einem festen Bestandteil der Kiste, deren Inhalt ich nie wegwerfen werde, auch wenn Bill das gar nicht so vorgesehen hat.

Was schreibt man nun in ein Essensmagazin, ohne redaktionell nur eine Stellung zu beziehen, dabei jeder (politischen) Haltung zur Ernährung Platz zu lassen und das Niveau dieser Hochglanz-Mama-Rezept-Hefte erfolgreich zu brechen? Zum Beispiel druckt man Fotos von längst verwelkten Küchenkräutern, einen Artikel über eine Henkersmahlzeit von einem zum Tode verurteilten, man schreibt über die Renaissance der Wildpflanzen in der Küche, man befragt einen dänischen Künstler, der anderen Leuten mit Vorliebe Teig über den Kopf stülpt und sieht nach, wie es eigentlich den Hühnern geht. Man lässt einen Koch erst das Reh schießen und dann zubereiten und man fragt sich auch, was eigentlich 90 Sekunden Mikrowellenzeit wert sind. Vielleicht erklärt man auch in jeder Ausgabe eine andere Art der Zubereitung von Kaffee.

Bill wohnt in einer dieser schönen Wohnungen in Zürich. Altbau, Eckhaus, verwinkelte und überraschend angeordnete Zimmer, toller Holzboden und zudem gut eingerichtet. Dort haben wir also ein Abendessen zubereitet und uns über Essen und das Heftmachen unterhalten. Ein Drei Gänge Menü.

Vorspeise: Schnittlauch-Butter-Salz-Brote.

Eigentlich haben wir das mit dem Abendessen anders geplant, aber Bill ist gerade erst eingezogen. Die Kisten stehen noch herum und keiner weiß, wo eigentlich der Topf, der Löffel oder ein Schneidebrett ist. Das verfälscht aber nun sicherlich das Bild von ihm, denn wir suchen nicht in seinen wenigen Kisten, wir suchen in einer unglaublich schönen Küche, und wir suchen, weil seine Mitbewohnerin nicht da ist, um sie zu fragen. Er hat sich in die perfekte Wohnung eingenistet – nicht einmal die Schmetterlingssammlung in seinem Zimmer gehört ihm. Wenn man aus einer Wohnung geworfen wird, fühlt es sich an wie Schluss machen, erzählt er. Ich nicke ihm zu. Das kenne ich – wir trinken Tee und kichern. Wir müssen reden, hatte seine Mitbewohnerin gesagt, und dann kam nur noch ein, ich will alleine wohnen. Die Vorspeise ist eine Erinnerung an meine Kindheit. Wir finden beide, dass Butter-Salz-Brote eine unglaublich gute Mahlzeit sind, und das ist ungefähr so gewöhnlich, wie auch das Happ-en sein soll. Dieses Heft darf lange in der Küche liegen, Fettflecken haben, gebraucht werden, nass geworden sein und dann letztendlich eben doch im Mülleimer landen. Im Gegensatz zu Hochglanz Magazinen bei denen man sich über jeden kleinen Fleck ärgert und verdammt viel Geld dafür ausgegeben hat, ist das Happ-en extra so gemacht, um benutzt zu werden. Bill findet nicht, dass Print-Produkte für die Ewigkeit gemacht sein müssen. Die zweite Ausgabe umfasst 48 Seiten und ist dem Thema „Ein bisschen mehr Wild“ gewidmet. Das kommt im Frühling vielleicht ein bisschen spät, kann aber metaphorisch verstanden werden – das Rezept mit dem Rehrücken kann man ja für den nächsten Herbst aufheben.

Wir sprechen über das Essen. Das ist ein ziemlich offener Begriff, nicht jeder Artikel dreht sich explizit darum – im Grunde geht es ja immer irgendwann ums Essen. Auch in Filmen, im Job oder bei einem Ausflug. „Die Rezepte sollten einfach sein, wer kocht denn heute noch so viel?“, fragt er. „Das hier soll keine Vorzeigeküche sein, ergänzt er, sondern praktisch!“ Den Rehrücken ausgenommen. Bill glaubt, das würde am ehesten unserer Welt entsprechen. Die Macher, sind ihre eigene Zielgruppe.

Hauptspeise: vegane rote Beete Suppe, mit viel Kokosmilch und extrem scharfen Chili, von denen man Ohrensausen und ein Taubheitsgefühl bekommt, wenn man darauf beißt.

Eigentlich kommt Bill aus der Ecke Berlin, hat in Weimar studiert, dann in Zürich ein Auslandssemester gemacht, ist dann wieder in die Schweiz gezogen. Um seine Freunde über sein Auslandssemester in Zürich zu unterrichten, gestaltete er damals sogenannte Monatsabrechnungen. Das waren Zines bestehend aus einer A4 Seite, mit einer Infografik, die er dann monatlich verschickte. Sein Kaffee und Apfelkonsum ist übrigens über die Jahre gleich bleibend hoch geblieben. Eine dieser Abrechnungen hat er sich immer selbst geschickt, um die Briefmarke zu bekommen und um sich daran zu erinnern, wo er überall lebte. Zwischen Hauptgang und Dessert holt er also eine Kiste aus seinem neuen Zimmer und lässt mich alle Monatsabrechnungen anschauen, die ganze gesammelte Reihe. Ich wünschte, ich wäre damals in seinem Freundeskreis gewesen! Ob das der Ursprung vom Happ-en ist? Kann sein, sicherlich irgendwie, aber eigentlich wollte er einfach nur wieder etwas neben der Arbeit machen und der Vorschlag der am Besten ankam und auf den sie Alle Lust hatten, war ein Printprodukt übers Essen.

Dessert: Obstsalat aus drei verschiedenen Früchten und Zucker.

Eine absolute Lieblingsseite im aktuellen Heft hat er nicht. Gut findet er aber das Pin Up in der Mitte, das jetzt hoffentlich an ein paar Kühlschränken hängt. Ich mag das Inhaltsverzeichnis auf dem Cover. Manche Sachen werden sich noch ändern, andere sind schon wunderbar so wie sie sind. Wir reden über Schrift. Er hat keine Lieblingsschrift, aber er mag wirklich alle Schnitte von der Times. Im Happ-en benutzt er die Fugue von Radim Pesko und die Kino von Monotype; wir erklären einstimmig die Akkurat sehr zu mögen und kichern ein bisschen darüber, dass er einige Projekte in der Arbeit nur mit der Helvetica setzen darf. Darüber ist er eigentlich so hinweg, wie über billiges Hackfleisch von Aldi. Bewusstes Ernähren, findet er wichtig, zu wissen wo die Milch herkommt und was in einer Pute steckt. Er isst Fleisch, am liebsten mag er es, wenn er das Tier zuvor kannte, aber dazu kommt es praktisch nie. Weder im Happ-en, noch beim Essen im wahren Leben, drückt er seine Haltung auf. Hier geht die vegane Suppe neben dem erlegten Huhn. Die Themen für die nächste Ausgabe stehen schon fest, aber Essen ist durch seine Weitläufigkeit ein wohl nie endendes Gebiet, in dem man munter forschen kann. Wir werden ständig Hunger haben. Hunger nach Nahrung, und Hunger nach schönen Magazinen. Es wird wohl August werden, ehe die neue Happ-en in unseren Küchen liegt und von uns unabsichtlich verschmutzt wird bis dahin, müssen wir von dieser Mahlzeit zehren.

Kaffee

Wir trinken und plaudern über eine Schutzhülle für das Heft. Wir sind müde, es regnet noch immer, wir wundern uns über die gesellschaftliche Relevanz vom Zusammen-Essen, finden es aber prima so unseren Sonntagabend zu verbringen. Man möchte gleich anfangen, ein Heft zu gestalten, eine Infografik über den eigenen Kaffeekonsum anzulegen und vielleicht tatsächlich Rezepte auszutauschen, oder am besten gleich jeden Sonntag zusammenessen. Ich gehe nach Hause, in meinem Plastiksackerl sind nun ein Stapel Hefte und eine Monatsabrechnung. Ein guter Tausch.

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Webseite des Hefts Happ-en

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Eindrücke vom Kochausflug:

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Fotos: Natalie Mayroth

Unsere Tagesempfehlung heute: Wenn ihr jetzt hungrig geworden seid, hungrig auf Happ-en, Fanzines oder aufs Magazine-machen, schickt uns eine Email, um an unserer Verlosung teilzunehmen. Wir verlosen drei Ausgaben von Happ-en 2 und wer Futterneidig geworden ist, kann auch ein Abo abschließen. Das kostet zwar, sichert aber das Fortbestehen solcher seltenen Arten von Heft. Über Preise in Euro und Versand nach Deutschland etc, schreibt man dem Happ-en am Besten eine Email, für alle Schweizer unter uns: Das Abo kostet 33 Franken, für drei Ausgaben.

There are 3 comments

  1. Airamanno

    Einfach eklig. Die Fotos vom Essen kommen jedenfalls so rüber … mit oder ohne Helvetica!
    (Es wird auch wieder die Zeit kommen, wie schon oft, in der die Helvetica wieder unheimlich angesagt sein wird. Komisch gell, die Moden?)

  2. FALSCH

    Nahrungsmittel zu bearbeiten ist wie Poesie. Das Schneiden und Hacken kann dem Geist Ruhe zuführen mit der Aussicht auf ein wohliges Mahl. Man schaltet ab und muss doch wachsam sein sich keinen Finger abzuhacken (vor allem mit diesen fiesen Porzellan-Messern). Im netten Kreis genossen, erweckt das Erschaffene Lust am eigen kreierten. Es ist nicht aus der Schachtel. Man hat es selber zusammen gestellt, drapiert und Freunden dar geboten, vielleicht sogar genossen. Waghalsige Unterredungen können sich dabei entwickeln. Man tauscht sich aus. Man arbeitet mit Kräutern, mit Zucker & Salz … man erfreut sich daran etwas zu erschaffen was schmecken kann … noch etwas Balsamico? Wie gerne!

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