Thomas Herb: „Ein guter Club macht ein kollektives Musikmoment möglich.“

Thomas Herb (c) Veronika DräxlerFotos: Veronika Christine Dräxler

Nackte Metalregale gefüllt mit Schallplatten und CDs stehen zwischen den Arbeitstischen im Compost Records Büro. Es liegt am Ostbahnhof – nicht unbedingt der Ort, der in München mit guter Musik assoziiert wird. Das Independent Label, gegründet 1994 von Michael Reinboth, beweist aber, mit Künstlerkollektiven und Musikern wie Marbert Rocel, Christian Prommer oder Peter Kruder, dass hier trotz Kultfabriknähe und Optimol-Assoziationen kultivierter Musikgeschmack zu Hause ist. Verabredet bin ich mit Thomas Herb, langjährigem House-DJ und rechter Hand von Michael Reinboth. In der kleinen Sitzecke in der wir Platz nehmen stehen Butterbrezen, Wasser und Kaffee auf dem Tisch – weder Thomas noch ich haben schon gefrühstückt. In Griffweite liegen auf dem Boden Kartons mit CD Hüllen, die noch mit CDs bestückt werden sollen. Daneben Transporttaschen für Platten. Musikzeitschriften, obenauf die neueste Groove, stapeln sich. Thomas hatte, neben den zu ihrer Zeit großen Clubs wie dem Flokati und dem Ultraschall, im Harry Klein eine Residency und bespielt aktuell ein Mal im Monat mit den Compost Blacklabel Sessions das Bobbeaman.

Thomas, du kannst inzwischen auf mehr als zehn Jahre im Musikgeschäft als House-DJ und bei Compost Records zurückblicken. Wie hat alles angefangen?

Ich hatte schon immer eine gewisse Affinität zur Musik. Meine Eltern haben eigentlich ausschließlich Radio gehört, aber ich habe schon früh damit begonnen mir Platten zu kaufen. Früher gab es ja in jedem größeren Dorf einen Radio&TV Laden und die hatten auch immer Platten da. Bis Anfang 20 habe ich mich ohne auf gewisse Genres zu achten mit viel Musik eingedeckt, die mich berührt hat. Speziell auf House bin ich gekommen, als ich in Kempten mein BWL-Studium angefangen habe. Da gab es diesen Plattenladen von Infinity – einer Crew, die auch größere Raves und kleinere Partys in Clubs gemacht haben. Die hatten viel Techno und House. Sie haben mehr eine Nische bedient und waren tief bestückt. Ich habe mich durchgehört und viel mitgenommen. In Kempten gab es außerdem auch einen Müller mit einer richtig guten Vinylabteilung. Dort habe ich Platten von Compost gefunden, auch Kruder und Dorfmeister. Mit der Zeit sind es mehr und mehr Platten geworden und ich habe mir auch 1210er Plattenspieler zugelegt. Außerdem hat mir eine gute Freundin, neben der ich damals in der Schule gesessen hatte, Mixtapes aus London mitgebracht, wenn sie auf Heimaturlaub war. Sie war mit einer DJ-Größe aus dem Ministry of Sound zusammen. Diese Musik und vor allem als DJ Mix fand ich gut. House hat es mir angetan, besonders ein Abend in Stuttgart im M1 bei dem Eric Murillo aufgelegt hat. Alle waren happy, er spielte „Relight my fire“ von Dan Hartman genau im richtigen Moment und ich wusste: Das ist es. Das ist es! Dieses Gefühl will ich vermitteln. Es ging nicht um den Song, sondern um das Gefühl. So bin ich zum Auflegen gekommen.

Warum gerade House?

Damals war das in der Provinz so, dass derjenige der am härtesten gespielt hat, der Coolste war. Wobei das vielleicht auch heute immer noch so ist! Aber persönlich mag ich das Ballern halt nicht so. Die meisten DJs dort spielten eher diesen Deutschen Techno, ohne viel Soul in der Musik und das hat mich nie besonders begeistert. Im Allgäu war Techno – für mich zumindest – der Partysound der Leute, die total einen drauf machen wollten. Für mich stand aber schon immer die Freude an der Musik im Vordergrund und nicht nur das Partymachen und was dazugehört. House war für mich die Alternative, die ich gesucht hatte: Soulful, mit Groove, Funk, kompatibel zu schwarzer Musik und Hip-Hop.

Konntest du dich da im Allgäu als DJ überhaupt verwirklichen, wenn eher schnellerer und härterer Techno angesagt war?

In einigen Clubs gab es ja schon einen House-Floor, doch. Aber ich war da der Meinung, dass der Einzige, der dort wirklich House gespielt hat, ich war. Die anderen waren mehr so auf Raven aus. Es war jetzt nicht schwer an Gigs zu kommen und zu spielen, aber es war nur nicht leicht beim Publikum anzukommen, wenn der DJ vor dir und nach dir mit 135 bpm am Anschlag aufgelegt hat. Aber ich dachte mir, ok, der Typ, der die Party veranstaltet, findet gut was ich mache, der weiß das zu schätzen, aber die Leute verstehen das nicht, ich werde wohl nie auf dem Mainfloor spielen. Teilweise habe ich sogar vor einem leeren Flor gespielt! Ich habe mir dann aber gedacht: Okay … ich habe anderes gesehen! Ich bin ja zu der Zeit mit meinen Freunden auch viel rumgefahren. Wir waren in Clubs in Stuttgart und München unterwegs. Ich habe mich also nach kurzer Zeit gefragt: Warum sollte ich vor Leuten spielen, die nicht verstehen was ich mache, wenn ich auch in einem guten Club spielen kann?

Was verstehst du denn unter einem guten Club?

Abgesehen vom Sound, dem DJ Pult, und gutem Licht, spielt für mich kaum eine Rolle wie ein Club aussieht. Das finde ich gar nicht so wichtig. Mir geht es bei einem guten Club um eine gebündelte Gruppe von Menschen, die nur wegen der Musik an einen Ort kommen und darum ein kollektives Moment möglich werden kann. Da soll auch über den Abend ein Stil laufen können, natürlich in verschiedenen Facetten. Aber die Leute dort haben im Idealfall ein Verständnis für die Musik, die aufgelegt wird. Das konkret gab es leider im Allgäu so nicht. Ich habe dann beschlossen, dass ich hier weg muss, wenn ich jemals das, was ich unter House verstehe, in einem guten Club spielen will.

Daraufhin bist du nach München und hast unter anderem eine Residency im Flokati gehabt. Wie hast du das geschafft?

Ich habe anfangs bei der Booking Agentur Caus-N’-ff-ct gearbeitet und wir saßen früher in einem Büro mit Partysan. Die waren zu der Zeit schon richtig groß im Geschäft, mit Raves und Partys und ihrer Booking Agentur. Dort saß mir gegenüber Dominic D´Agnelli, der mit Virginia im Flokati schon eine Residency hatte. Der hat ein Tape von mir gehört. Und Dominic hat Tobi Neumann vom Flokati von mir erzählt und der hat dann eingewilligt, dass ich die Warm-ups spielen darf und dann war ich nach ein paar Monaten auch Resident dort. Das war gut. Über die Agentur bin ich in ein gutes Netzwerk reingekommen, da hat man honoriert was ich gemacht habe.

Und wie bist du dann zu Compost Records gekommen?


Ich habe mich ganz klassisch um einen Job beworben. Mein Hauptaufgabenbereich hier ist die Lizenzierung. Alles was bei Compost und den Sublabels erscheint, und von anderen lizensiert wird – zum Beispiel für Compilations aber auch für Filmtrailer, Werbung und so weiter, geht über meinen Tisch. Ich betreue außerdem die Tantiemen der Künstler, die zwei Mal im Jahr fällig sind. Ich muss mich also auch mit Urheberrecht, Vertragsgestaltung, Abrechnungsmodalitäten gut auskennen – war mir selbst als Künstler natürlich wieder zugute kommt. Zusätzlich kümmere ich mich um die digitalen und physischen Verkäufe und melde unsere Produkte bei der GEMA an. Ich kümmere mich auch um die Abrechnungen der digitalen und physischen Verkäufe, um Einnahmen aus Lizenzen und verarbeite diese entsprechend, so dass die Künstler alles korrekt auf der Abrechnung haben. Mit meiner Erfahrung als DJ stehe ich dem Michael auch gerne mal zur Seite, wenn es darum geht neue Musik zu hören, Demo’s zu checken, Remixer auszuwählen. Ich veröffentliche ja auch selbst bei Compost und ich habe vier Jahre lang die Compost Black Label Night von Michael mitgehostet.

Bei Compost Records arbeitest du tatsächlich Vollzeit. Wie bringst du das mit dem Auflegen unter einen Hut?

Ja, das bedeutet natürlich einen Spagat. Es Bedarf natürlich sehr viel Leidenschaft beides zu machen! Ich könnte mehr auflegen, auf jeden Fall. Aber ich bin eher der Typ, der eine gewisse Sicherheit braucht, um kreativ sein zu können. Salopp gesagt – wenn ich nicht wüsste, wie ich meine nächste Miete bezahlen soll – das würde mich auffressen. Manche können das, die verzichten dann viel, essen jeden Tag nur Nudeln oder Schokomüsli. Für mich persönlich ist das nichts, ich habe ja auch Familie, ich trage Verantwortung, ich will nicht nur auf ein Pferd setzen. Für mich ist es ideal mit meiner Arbeit bei Compost Records an eine Plattform angedockt zu sein, die mit dem verwandt sind, was ich als DJ mache. Ich habe viel darüber gelernt, was den trockenen Bereich des schönen Musikkonstrukts angeht.

Thomas Herbs neueste Compilation für Compost Black Label ist ab Freitag, dem 21.06.2013 als auf 1000 Stück limitierte und handnummerierte CD mit einem Artwork von Benny Roeder erhältlich. Ihr könnt eine von zwei mit einem Kommentar unten bis zum 24.06. gewinnen!

Compost Black Label Series Vol.5 Compiled by Thomas Herb

Trackliste: Rey & Kjavik – Listen/Joash – Don’t Fear It, Fight It (Woolfy Addiction Remix)/ Phreek Plus One feat. Mr. White – Passion (DJ T. Remix)/ Emilie Nana – Like You/ Johnwaynes – Dance/ Muallem – Holland Tunnel/ TJ Kong & Nuno Dos Santos feat. Edward Capel – Emerald Bay (Scope Remix – Nuno Dos Santos Beat Edit)/ Marbert Rocel – Let’s Take Off (Osunlade Yoruba Soul Instrumental)/ SHOW-B & Thomas Herb – Paradisus (Grooveapella)/ SHOW-B & Thomas Herb – Rosso Costiera/ Rainer Trueby – Welcome To Our World (Dima Studitzky Remix)/ Classic VIV & Lawaetz – This Is For The Women (SHOW-B & Thomas Herb Remix)/ Philipp Stoya – Ransd/ Emil Seidel – Tumbling/ Jay Shepheard – Otter Bronze/ Lukas Bohlender – Club Chateâu

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Reinhören:

Thomas Herbs Soundcloud

Webseite von Compost Records
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Eindrücke aus dem Compost Records Büro:

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Eindrücke_CompostRecords7

There are 10 comments

  1. Jack

    Coole Nummer! Interview hat mir sehr gefallen (hätte ruhig länger sein können ;)
    Und wegen der CD: Hat dir heute schon jemand gesagt, wie gut du aussiehst? :D

  2. Heppe

    Gelungenes statement „Herbie“. Ich sag an dieser Stelle mal „danke“ für die musikalischen Ergüsse der letzten Jahre. Keep on housing… – your friend and fan from the beginning – peace, love and house – Heppe

  3. Birgit

    Na unverschämt gut der Sound und gutes Interview und was auch noch gut wäre, so ein fesches „Scheibchen“ zu bekommen. Ja geht das? Toll! Ein herzliches Servus & Dankeschön schickt Birgit

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