Alexis Felten: „Alle 100 neue Likes fotografiere ich meine Brüste.“

Alexis Felten

Alexis Felten war früher Unicorns of Death und ist jetzt Teen Slut. Mit ihrer Girlgang macht sie sich öffentlich über Geschlechterrollen lustig. An einem Donnerstag Nachmittag war ich bei ihr zu Hause eingeladen und habe mir auf ihrer Couch ein Auge auf den Arm tätowieren lassen. Dabei haben wir über Schlampen, München und Kerle geplaudert.

Unicorns of Death ist tot. Ich mochte Unicorns, weil Du gerne öffentlich gegen Deine Hater geplappert hast. Jetzt gibt es also Teen Slut. Ist das die Fortsetzung oder eine Neugründung?

Unicorns habe ich vor ca. drei Jahren mit zwei Freundinnen gegründet. Eigentlich war das eine Snowboard- und Freeskicrew mit der wir diese Welten revolutionieren wollten. Wir wollten eine Männerdomäne brechen – denn wenn Mädchen tatsächlich so etwas machen, orientieren sie sich an Männern. Versuchen so cool und gangster zu sein. Wir wollten aber krass die Girls sein, oder Divas. Uns störte, dass wenn man ein cooles Snowboardgirl sein wollte, man wie ein Kerl sein sollte. Außerdem dachten wir, Leute fänden es auch viel interessanter, würde es mal Boardertussis geben. Snowboardtechnisch ist auf der Seite dann doch nicht viel gekommen. Vielmehr haben wir gepostet, wenn wir beim Vorglühen waren, oder Ausflüge machten. Also habe ich, als ich zu tätowieren angefangen habe, Unicorns of Death als Plattform benutzt, um meine Tattoos zu zeigen. Dann fing aber intern in der Gruppe das Dilemma schon an.

Weil es sich so schnell in Deine Richtung weiter entwickelt hat?

Es kam halt dann der Elektrische Garten, dann die Süddeutsche, dann die Fernsehsendungen und Unicorns wurde immer weniger zum Gruppenprojekt. Gleichzeitig habe ich immer mehr tätowiert.

Und damit kamen auch die Hater?

Ganz viele erwachsene Männer kritisieren mich und meine Arbeit, die sich sicher angegriffen oder bedroht fühlen, dabei nehme ich denen gar nichts weg. Und ich musste mich hundert Mal wiederholen. Jeder, der zu mir kommt, um sich tätowieren zu lassen, ist aufgeklärt. Der weiß, wie meine Tattoos aussehen. Der weiß, dass das bei mir auf der Couch passiert. Der weiß, dass es super hygienisch ist und ich nicht tätowieren kann. Wir können gerne in irgendein offizielles Studio gehen und ich zeige dir Dutzende Regelverstöße. Abgesehen davon weise ich auch Menschen ab, die mit vollkommen anderen Erwartungen an mich herantreten. Mit Dingen, die ich nicht machen kann, oder von denen ich denke, dass sie in meinem Stil scheiße aussehen. Ich kenne viele richtig beschissene Tattoos, von ausgebildeten Tätowierern. Ich denke also ich agiere weitaus vernünftiger als die, die damit nur noch Geld verdienen wollen.

Da verschwindet wohl auch die Grenze zwischen einer Dienstleistung und der Kunst?

Irgendein Tattoo-Magazin hat meine Tattoos als Negativ-Beispiel gepostet. Danach hatte ich ein paar Hundert Likes mehr. Ich bin ein starkes Mädchen und kann damit umgehen. Meistens pusht es mich. Das war nicht immer so, früher war ich eher ein Looseropfergirl. Manchmal erschreckt mich auch der Neid, vor allem von Mädels, die eigentlich mir recht ähnlich sind. Aber ich selbst bezeichne mich nicht als Tätowiererin. Ich mache Kunst mit der Maschine.

Jetzt hast Du eine ganz andere Gang. Seid ihr nun das neue Über-Team?

Man kennt uns drei schon, vor allem beim Ausgehen. Da geben wir uns gerne exzessiv. Bella, Lucie und ich sind bekannt durch Aktionen wie Arschgrapschen oder wenn wir Pro Hoes spielen. Wir gehen dann auf Snowboardpartys, weil wir auf süße Boarderjungs stehen und gehen allen Kerlen an den Arsch oder machen einen Knutschcontest. Pro Hoes sind Frauen, die sich nur Profis aufreißen. Generell sind Pro Hoes also Schlampen. Uns stört einfach extrem, dass man denkt, im deutschsprachigen Raum wären alle so frei und liberal und dennoch werden Frauen als Schlampen bezeichnet, wenn sie ihre Sexualität ausleben. Wir machen uns gerne darüber lustig, knutschen mit den süßen Jungs, fotografieren das dabei, gehen aber trotzdem nicht mit denen Heim. Wir kriegen dabei alles, was wir wollen. Aber jetzt ist es sogar schon so, dass wir gar keine Beleidigungen mehr hören, wenn wir drei mit dem selben Boy knutschen, sondern Leute lachen und finden das zum Teil eben cool. Es beginnt also ein Prozess des Umdenkens.

Aber langweilt es nicht, dass man es den Leuten auch erst noch erklären muss, ehe sie begreifen und man sich dabei dennoch gesellschaftlich negativ positioniert?

Es gab auch schon den Moment, in dem mir mein Ruf geschadet hat. Das hat uns dann alle drei beschäftigt. Aber wir glauben daran, dass wenn uns jemand will, soll er uns nehmen, wie wir sind. „Schlampen“ sind für uns starke, selbstbewusste Mädchen, die wissen was sie wollen und sich das auch nehmen, und sich gegen gesellschaftliche Regeln auflehnen. Das finde ich, ist etwas ziemlich Gutes.

Teen Slut ist also eine feministische Plattform?

Bei Teen Slut geht es darum, dass wir machen, was wir wollen. Und das ist zufällig nicht das, was die Gesellschaft von Mädchen will. Ich wollte ein Kunstprojekt starten und was mich interessiert, sind Boys. Ich bin in der Pubertät hängen geblieben; wir sind naiv aber mit unserer Sexualität outspoken. Alle Hundert neue Likes fotografiere ich meine Brüste. Ich wurde von slutever inspiriert, weil ich mag, wie sie mit Sex umgeht. Den Namen hatte ich aber schon viel länger im Kopf. Mit Teen Slut war mir wichtig ein Projekt zu machen, in welches ich meine Kunst reinpacken kann. Wie auch das Teen Slut Fanzine. Dabei geht es zum Beispiel nur um mich, obwohl Bella textlich viel dazu beigetragen hat. Eigentlich denk ich bei Skatern immer an Punks. Aber hier in München sind selbst die chic. Deshalb habe ich eine ironische Serie darüber gemacht. Es geht um meine Eindrücke und um meinen Stil der Gestaltung. Außerdem gibt es Aufklebetattoos oder einen Boy-Girl-Crush-Test. Das Teen Slut Magazin bricht mit dem konventionellen Magazindesign. Das heißt, selbst obwohl es so wirr und total nach Neunziger aussieht, unterliegt es strengen Rastern. Anders könnte ich sonst gar nicht denken. Das erste Heft beschäftigt sich mit München. Irgendwann soll das auch überall umsonst ausliegen. Aber dafür braucht es noch Finanzierung.

Jetzt werdet ihr auch von verschiedenen Marken gesponsert. Seid ihr also als Gruppe von Freundinnen, die auf Konventionen scheißt, schon ein Kunstprodukt?

Natürlich ist das Ganze ein Geben und Nehmen. Den Rollschuhherstellern haben wir gesagt, dass wir eine Girlgang sind und deren Farben zu uns passen. Jetzt haben wir also alle ein Paar Rollschuhe und fahren damit durch die Stadt. Skatermarken fragen uns an, ob wir für sie Shootings machen wollen, halt in unserem Stil. Und das Fernsehen kommt immer wieder auf uns zu, besonders taff unterstützt uns stark. Im Sauna Club findet bald auch die erste Teen Slut Party statt und wir werden ein Musikprojekt realisieren. Wir grenzen uns nicht ein, sondern denken immer weiter und immer mehr. Wir wollen alles machen und was die Anderen davon halten, ist uns egal.

Bildnachweis: Porträt: Susi Neumair, Wohnung: Jovana Reisinger

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Eindrücke von Alexis Wohnung:

Alexis Wohnung (c) Jovana Reisinger

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