Evelyn Dragan: „Fotografie passiert im Kopf.“

Eve_Dragan_Portrait (C) SONJA STEPPANFotos: Sonja Steppan

Schuld an diesem Interview ist eine Schuhschachtel. Sie steht auf meinem Kleiderschrank im Allgäuer Elternhaus und ist randvoll mit Briefen aus Evelyns Feder, die ich seit der Schulzeit horte, angereichert mit zahnspangenbestückten Fotoautomatenbildern und üppig dekorierten CD-Kompilationen.

Gute zehn Jahre nach Beginn unserer Brieffreundschaft sitze ich der Fotografin und Kommunikationsdesignerin Evelyn Dragan (24) bei einer Saftschorle im Münchner Nage & Sauge gegenüber.

Angesichts der Fülle adretter Basteleien war es relativ vorhersehbar gewesen, welch kreatives Potential hier schlummern würde: Zwischen Aufträgen für namhafte Kunden wie Herburg Weiland, ringzwei, Missy Magazine, der Caritas oder Neon hat sie 2012 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ramon Haindl das Online-Magazin CULT gegründet, das seinen metaphorischen wie sprichwörtlichen Fokus auf Fotografen und Filmemacher gerichtet hat.

Evelyn, wir kennen uns ja noch aus der Zeit, in denen man MySpace-Profile betrieb und Illustrationen aus der „Young Miss“ ausschnitt. Hast du zurückblickend damals bereits die Vorstellung gehabt, kreativ gesehen dort zu landen, wo du dich jetzt befindest?

Was ich bereits gewusst habe war, dass ich in die Richtung des kreativen Schaffens gehen möchte, aber das war noch sehr unkonkret. Ich hätte damals gar nicht so weit denken können. Klar, die Anlagen waren vermutlich vorhanden und ich hatte schon damals großen Spaß daran, zu gestalten – aber dass das mal in irgendeiner Weise mein Beruf sein würde, hätte ich mir damals nie ausgemalt. Selbst während meines Kommunikationsdesign-Studiums wollte ich eigentlich nie Fotografin werden; ich dachte, das sei ein Hobby, kein „richtiger“ Beruf. Ich denke heute oft darüber nach, was mein Teenager-Ich wohl zu der erwachsenen Version von mir sagen würde. Wenn ich jetzt die Gelegenheit hätte, Rücksprache zu halten darüber, was ich jetzt mache, würde dieses 15jährige Ich vermutlich sagen: „Spinnst du?“ Manche Dinge fände die junge Evelyn wahrscheinlich furchtbar spießig und doof – aber in vielen Hinsichten wurden meine Erwartungen und Vorstellungen absolut übertroffen und dafür bin ich sehr dankbar und weiß, dass ich mich glücklich schätzen darf, heute so zu leben und zu arbeiten.

Die Grenzen der digitalen und analogen Welt sind bei dir ja seit jeher verschwommen. Du hast oft mit Internetbekanntschaften im echten Leben gearbeitet und umgekehrt. Wie kommt das und wird das mit der Digitalisierung in Zukunft so weitergehen?

Natürlich vermischt sich das, denn ich werde auch häufig für Aufträge von Menschen akquiriert, die ich nicht kenne, daraus sind schon viele tolle Freundschaften entstanden. Ich begrüße die Digitalisierung! Fotografie passiert zum Glück nicht nur vor dem Rechner – klar, man recherchiert passende Orte via Google und verabredet sich mit Menschen über Facebook oder Email – aber dann muss man rausgehen und aktiv werden. Im Kern hat sich nicht viel verändert, man zieht mit der Kamera los, muss eine gewisse Sensibilität im Umgang mit Menschen haben und sich schnell auf neue, unbekannte Situationen einstellen können – das passiert im Kopf und das kann kein Handy oder Computer. Das Digitale ist einfach ein Werkzeug, das mir meine Arbeit in vielen Hinsichten erleichtert – deshalb bin ich offen für Veränderungen und Neuerungen.

Wenn ich mir deine Arbeiten ansehe, die zum Großteil ja aus Portraits und Pattern besteht, dann strahlen diese Stilleben für mich zwar ungewollte Spontaneität, aber auch eine immense Ruhe aus. Woher schöpfst du die?

Wir sind ja kürzlich erst umgezogen, und in der neuen Wohnung fühle ich mich sehr wohl. Viele Arbeiten entstehen bei mir zuhause. Ich lade da Freunde, aber auch komplett unbekannte Leute ein und verbringe einfach Zeit mit ihnen, unterhalte mich, trinke Kaffee – und dabei entstehen Bilder. Das kann auch mal zwei Stunden dauern.


Obwohl du ja teils mit Fremden arbeitest, wirkt es so, als könntest du immerzu eine gewisse Verletzlichkeit aus der Reserve locken.

Oh, das ist mir noch gar nicht aufgefallen! (lacht) Gerade bei meiner persönlichen Arbeit ist es mir wichtig, die Dinge einfach auf mich zukommen zu lassen, nichts zu forcieren, einfach abzuwarten. Manchmal treffe ich mich auch ein zweites oder drittes Mal mit den Leuten – es geht nicht um Geschwindigkeit, zum Glück.

Die farbliche und inhaltliche Ausgeglichenheit deiner Fotografien – steht die im Kontrast zur permanenten Reizüberflutung, die das Sammeln an Material für CULT so mit sich bringt?

Mit Sicherheit bringt meine eigene Arbeit viel Balance in Spiel. Aber es soll nicht so klingen, als würde mich die Recherche für CULT überfordern – ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, welch großartige Portfolios wir von Leuten aus der ganzen Welt zugeschickt bekommen, das ist wirklich ein Geschenk!

Um den Bogen zu unserer Brieffreundschaft zu spannen – worüber freust du dich heutzutage bei analoger Post am meisten?

Dass man sich in einer Freundschaft gegenseitig Briefe schickt, setzt ja meistens logischerweise voraus, dass man sich an unterschiedlichen Orten befindet. Da ist es häufig der Fall, dass man zwar die Highlights des anderen auf unterschiedlichen Kanälen mitbekommen, aber wenig am alltäglichen Leben teilhaben kann. Daher fände ich es zum Beispiel fantastisch, ein Päckchen zu bekommen, in denen kleine Details diesen Alltag portraitieren: „Diese Blume habe ich am Dienstagnachmittag auf der Wiese neben meinem Haus gepflückt. Hier ist die Kinokarte vom Film XY, den ich vorgestern angeschaut habe.“ So in der Art.


Ich sehe schon, ich werde dir bald wieder schreiben müssen…

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Evelyns Webseite

Cult Magazine

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Einblick in ihre Arbeiten:

Porträtfotgrafie Evelyn Dragan

Porträtfotgrafie Evelyn Dragan

Porträtfotgrafie Evelyn Dragan

Porträtfotgrafie Evelyn Dragan

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