Warum Deutschland die griechische Antike nicht loslässt bzw. warum ich Selbstdarstellungsucht.de beende

Carl Friedrich Echtermeier: Die Länder der Kunst, 1878, Carrara Marmor; Neue Galerie in Kassel

Vor ein paar Jahren habe ich während einer Aufsichtsschicht zur Jahresausstellung an der Akademie der Bildenden Künste in München an meinem Tisch im Neubau zum Zeitvertreib den Katalog „200 Jahre Akademie der Bildenden Künste München“ gelesen. In dieser geschichtlichen Betrachtung hat mich aufmerken lassen, dass zur Gründungszeit der Akademie, der Einstieg in das Studium mit der „Antikenklasse“ erfolgte, das heißt diese zu absolvieren war Vorrausetzung für weitere Klassen. (1) Schließlich gab es zu deren Gründungszeit eine hohe Nachfrage an Gipsabgüssen und Repliken. (2)

Das Zuhause der griechischen Antike in München war für mich noch zu Kunst-Leistungskurs-Zeit die Glyptothek, in der ich mir schon vor dem Beginn meines Kunststudiums meine private Antikenklasse freiwillig verordnete – an der Münchner Akademie war diese im Herbst 1884 das letzte Mal zur Einschreibung offen. (3) Unterbewusst habe ich mich angezogen gefühlt vom kühlen Marmor, Faltenwurf und dem darin versteinerten Ideal von Winkelmanns „edler Einfalt und stiller Größe“. Vielleicht war es aber auch nur so, dass die Glyptothek mir ein Anknüpfungspunkt war, an mir aus den Deutsch- und Geschichtsbüchern Bekanntes und mir das Gefühl gab, durch aufgenommenes Wissen zu einer Bildungselite zu gehören. Meine Bewunderung für die bleiche Armee der Erhabenheit habe ich allerdings schon bald mit Zweifel ausgetauscht, als plötzlich um 2008 die ersten bunt bemalten Götter-Repliken in die Glyptothek einzogen. Im Laufe der westlichen Geschichte wurde die Farbe einfach zugunsten zeitgenössischer Ideale verdrängt – nicht nur im deutschen Klassizismus, auch und sogar zuerst in der Italienischen Renaissance.

Reality Framing

Schulbücher erheben Autorität auf Wahrheitsanspruch, weil die Schüler durch das Notensystem, den Eindruck bekommen, das nur richtig ist, was mit einer Bestnote bewertet wird. Die Bestnote erhält aber die Arbeit eines Schülers, der das vorgedachte System am genauesten wiedergeben kann. Das Like-System von Social Media fügt sich hier perfekt ein. Zahlen legitimieren nach einer festgesetzten Logik, was richtig oder falsch ist. Nur wer das Vorgegebene so wiedergibt, dass die bestimmende Gesellschaft es als ihr System oder eine Erweiterung davon erkennt, kommt weiter. Da ist es auch egal, ob an einer antiken Statue oder der Natur das Sehen gelernt wird. Und das Sehen ist anscheinend noch nicht da, es muss gelernt werden – zumindest nach den immer noch geläufigen Ausbildungen. Und auch das Wort Ausbildung. Nach einem Bild formen. Und davon war nicht ein Mal der Gott der Christenheit frei, denn er formte den Menschen nach seinem Ebenbild. Aber eben nur danach, die Kopie konnte einfach nicht gut werden.

Projektion

Am Anfang war also das Ideal, das als höchster Wert erkannte Ziel, eine angestrebte Idee der Vollkommenheit. An irgendeinem Punkt seiner Existenz war sich der Mensch als Mensch nicht mehr genug. Die Bewusstwerdung als eine Abspaltung, die Selbsterkenntnis als seine erste künstliche Handlung, eine energetische Scheinisolation. Getrennt-Sein.

Verdammt sei der erste Mensch, der einen Zaun errichtete und behauptete alles darin gehöre ihm? Verdammt sei der zweite Mensch, der es dem ersten Menschen glaubte? Nach dem christlichen Glauben, der noch immer das Wertesystem unserer jetzigen Gesellschaft prägt, war die Frau diejenige, die sich als Selbst erkannte. Vielleicht, weil sie in sich etwas trug, was sie vom Mann bekommen hatte, aber in ihr fremd war? Verdammte Schlange, die du den Samen der Selbsterkenntnis setztest. Aber was ein Selbst ist, konnte der Mann nur erahnen. Und so bekam er Angst, vor dem Mysterium Frau, obwohl diese versuchte ihn miteinzubeziehen. Der Mann begann sich vorzustellen, was die Frau so plötzlich verändert haben mochte. Es musste eine Einverleibung gewesen sein, ob es nun wirklich der Apfel vom Baum der Erkenntnis war, sei dahin gestellt. Aber es entstand ein erster Mythos aus der Erklärungsnot, aus einem Moment der Ohnmacht heraus.

Narration

Geschichten sind Systeme, Ordnungen, subjektive Erklärungen – auch zu sehen als Überlagerungen der Realität, als Projektionen. Es sind künstliche Zeiträume aus Schichten von Eindrücken, die oft dazu dienen, dem Gefühl der Ohnmacht zu entfliehen und wenigstens Herr einer imaginierten Welt zu sein. Der Mensch konnte sich mit der Geschichte als künstliche Realität wieder als Schöpfer fühlen. So kommt es denn, dass auch ein Höhlengleichnis des Platons eben nur eine Geschichte ist, mit einem unterschwelligen Wunsch nach Macht.

Identität

Warum greife ich dann auch zu einer Geschichte, wie der oberen? Ein Widerspruch in sich. Sicherlich. Fühle ich mich selbst ohnmächtig? Auch. Mein Gefühl der Ohnmacht speist sich sogar aus dem Widerspruch. Dem Widerspruch des verqueren Rollenverhältnis von Mann und Frau in der Gesellschaft, in der ich lebe, die sich auch in ihrer Moderne noch immer nicht von einer ihrer Hauptillusionen lösen kann: der Mann als Schöpfer, die Frau als Muse. Der Mann, der seine Inspiration oft genug auf die Frau bezog bzw. noch bezieht, diese zur Muse verklärt und sie damit zum bloßen Medium herab setzt, obwohl ihr die Schöpfung wesensimmanent ist. Die Frau, die sich in einer von Männern aus einem Ohnmachtsgefühl heraus ausgebeuteten Welt, überhaupt erst als gleichwertige Mitschöpferin validieren lassen soll, obwohl sie das schon ist, seit es Geschlechter gibt. Wobei Mitschöpferin schlichtweg falsch ist, da sie Schöpfung ist. Sie trägt in sich die Potentialität das Leben zu formen. Wenn etwas heilig sein sollte, dann ihr Uterus. Aber was wird ihr stattdessen vom Patriarchat angetragen: Penisneid.

Der Penisneid als die schizophrenste aller männlichen Projektionen. Die schlichte Annahme, der Frau müsse etwas fehlen, um sich selbst als Mann überlegen fühlen zu können. Dabei ist der Penisneid eine Umwandlung eines tiefen Minderwertigkeitskomplexes des Mannes, eben seines eigentlich unterbewussten Uterusneides. Einem Organ, das ihm nicht offensichtlich ist, sich seinen Sinnen, seinen Händen, seinem Verstand, sich ihm gar gänzlich zu entziehen vermag. Und wo stehe ich hier als (werdende) Frau? Solange eine Frau noch Mädchen ist, bleibt sie relativ außen vor. Beginnt aber die Transformation zur Frau, durch ihre erste Regelblutung, beginnt die Angst einer patriarchalisch geprägten Mutter, ob die Tochter dem Wertesystem der Männergesellschaft entsprechen können wird und sie belegt sie mit zigfachen Verhaltensanweisungen, bis hin zu körperlichen und geistigen Verstümmelungen.

Und hier an dem Punkt angelangt, komme ich zu meinem eigenen Gefühl der Ohnmacht zurück: eine Schöpfungskraft in mir zu spüren, aber diese überhaupt erst an einem komplexen Wertesystem validieren zu müssen. Dass diese überhaupt existent sei bzw. diese in ihrer natürlichen Form nicht für vollwertig angenommen wird, es sei denn, sie wird von außen bestätigt. Und ich halte hier fest: ja, trotz all der Fortschrittlichkeit und fortgeschrittener Gleichberechtigung, die Frau muss sich noch immer validieren lassen. Sicherlich muss auch der Mann sich validieren lassen, bei ihm wird aber in unserer Gesellschaft sein Wert als Schöpfer nicht angezweifelt, sondern nur graduell validiert, wie groß diese Kraft sei.

Selbstdarstellungssucht.de

Dieser Blog ist vor 10 Jahren entstanden, aus einem inneren starken Bedürfnis des Erfahrungsausdrucks heraus, als ein Tagebuch der Selbstfindung. Seit 2011 sind die Selbstfindungsanteile nicht mehr öffentlich. Warum? Ich hatte Statistiken ausgewertet und nur noch die Artikel zugelassen, die die höchste Klickrate aufwiesen bzw. unter gesetzten Erfolgsdefinitionen funktionierten. Damit habe ich mich dem circulus vitiosus der Fremdvalidierung eingeschrieben. Interessanterweise waren die bestgeklickten Artikel vorwiegend Interviews. Je stärker eine interviewte Person bereits an gesellschaftlichen Wert verfügte, umso mehr zog sie auch Klicks auf die Seite. Eigentlich eine ganz wunderbare Maschinerie um Aufmerksamkeitskapital anzuhäufen.

2015 wurde der Blog dann von der Bundesregierung als „Kreativpilot Deutschlands“ ausgezeichnet, Teil der Auszeichnung war ein einjähriges Coaching, das uns als Team die wirtschaftliche Nutzung des Projekts herausarbeiten helfen lassen sollte. Und hier schieden sich unsere Geister. Bei mir erzeugte der Druck der Coachingtermine einen absoluten Widerstand medial-unternehmerische Strukturen im Blog weiter auszubauen, was zu starken Spannungen im Team führte. Ich konnte das noch nicht nachvollziehbar erklären, noch nicht ein Mal vor mir selbst. Ich hatte nur das Gefühl, dass sich das gesamte Projekt in eine Richtung entwickelt hatte, die mir wesentlich widerstrebte.

Erst nach einem Besuch der Documenta 14 in Kassel dieses Jahr und der damit einhergehenden Einsicht über die Instrumentalisierung einer Idee der griechischen Antike als maßgeblichen Einfluss auf das deutsche Kunstschaffen habe ich langsam Klarheit darüber erlangen können, was an Selbstdarstellungssucht.de nicht mehr für mich stimmte. Der Blog war Teil der westlichen Kunstmaschinerie geworden, sein Image das einer Validierungs-Plattform. Wir bekamen (und bekommen noch immer) mehr und mehr Anfragen von Menschen, die auf dem Blog gefeatured werden wollen, die Teil sein möchten der bereits validierten Personen.

Und hier komme ich auf das Problem der westlichen Kultur und der Krise des westlichen Kunstsystems: Es ist ein System der Fremdvalidierung, zutiefst verwurzelt in einem imaginierten Minderwertigkeitskomplex des Mannes. Der sich selbst nicht ganz fühlt und das auf die Frau projiziert, die das wiederum bereitwillig in sich aufnimmt, um es dem Mann recht zu machen. So verzehrt sich der Mann nach Vorbildern und glaubte sie – am Beispiel Deutschlands – unter anderen in der griechischen Antike zu finden, als in ihm Zweifel an einem allmächtigen, christlichen Gott aufkamen. Dabei sind seine Ideale eben nicht Realität, die griechischen Statuen waren nicht glänzend weiß, sie waren bunt. Dieses Erbe, eine Konstitution zum Ideellen und Absoluten, lastet unterbewusst auf der westlichen Kultur, erschwert eine eigene Identitätsfindung, die sich viel mehr in einer Remix-Kultur auflöst und lässt den Kunstbetrieb – innerhalb des institutionellen Rahmens – sich um sich selbst in einem rauschenden Oberflächenkult drehen.

Für mich führt eine Gesellschaft von Fremdvalidierung zu nichts als Ausbeutung. Ausbeutung des Selbst, Ausbeutung des Anderen, Ausbeutung der Natur, weil niemand jemals genug haben wird, weil das Ideal – inzwischen ist es meist eine Zahl, die mit ihrem jeweiligen erreichen höher gesetzt wird – niemals zu erreichen ist. Ich kann und will in meiner künstlerischen Praxis kein Teil dessen sein müssen. Das Publikationsmedium Blog aber davon abzutrennen, das scheint mir in nächster Zeit nicht möglich und er hat auch durch zunehmende Strukturalisierung und Formalisierung unter dem Anspruch der Professionalisierung angefangen mich einzuschränken, statt mich zu befreien, wie noch in seiner Anfangsphase. Daher schließe ich hiermit das Projekt Selbstdarstellungssucht.de ab, verabschiede mich aus einem System der künstlichen Unterwerfung und beginne eine neue Reise, eine Forschungsreise zu der Welt, die unter den Projektionen vergraben liegt und zu mir als Frau, die sich Selbst validiert, aus sich selbst zu schöpfen vermag und die sich nun auf die Suche macht, nach Alternativen zu patriarchalisch geprägten Gesellschafts- und Wertesystemen, nach Alternativen zur Erschaffung von Öffentlichkeit ohne Fremdvalidierung und zu mehr Chaos und Wildheit.

An alle Autoren, Mitwirkende, Gesprächspartner und Leser, die mir durch die letzten 10 Jahre ermöglicht haben, über die Arbeit und den Austausch an diesem Blog zu reflektieren, zu recherchieren, Erkenntnisse zu haben und zu mir selbst zurückzufinden und heute an diesem Punkt zu sein, mich als Blogger und Herausgeber zurückzuziehen, aber dafür ins freie Kunstschaffen aufzubrechen: VIELEN DANK!

 

(1+3) Birgit Jooss: Zwischen Antikenstudium und Meisterklasse. Der Unterrichtsalltag an der Münchner Kunstakademie im 19. Jahrhundert. In: Eliza Ptaszynska (Hrsg.): Ateny nad Izarą. Malarstwo monachijskie. Stuida i szkice / Athen an der Isar. Münchner Malerei. Studien und Skizzen. Suwałki 2012, S. 23–32

(2) 1807 Der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling hält zum Namenstag von König Max I. Joseph am 12. Oktober die Rede Ueber das Verhältniss der bildenden Künste zu der Natur. Er wird Generalsekretär der Akademie und amtiert offiziell bis 1823. Die durch Goethes und Schillers Besuche berühmte Mannheimer Sammlung von Antikenabgüssen kommt in München an und wird mit etwa 200 Abgüssen »unmittelbares Attribut« der Akademie.

 

 

There are 4 comments

  1. Michael Reiser

    „Mit dem Geist ist es wie mit dem Magen: Man kann ihm nur Dinge zumuten, die er verdauen kann.“ Viele Jahre gute Nahrung für meinen Geist! Alles gute für deinen weiteren Weg! Lg Michi :)

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