Tilo Jung: „Ich bin mein eigener Chefredakteur.“

Tilo Jung (c) Natalie MayrothFoto: Natalie Mayroth

In Jogginghose und Shirt öffnet mir der Reporter Tilo Jung, 27, die Türen im obersten Stock einer Berliner Altbauwohnung. Im Februar ging er auf YouTube mit der Interview-Reihe „Jung & Naiv – Politik für Desinteressierte“ an den Start. Um an bessere Technik zu gelangen, finanzierte er sich zunächst über Crowdfunding auf der Plattform Krautreporter. Er wünscht sich Antworten von Politikern, die auch 14-Jährige verstehen würden, erklärt er bei seinem ersten Clip. Seit September läuft seine Sendung nun zur Primetime über die Monitore des TV-Senders „Joiz“. Unverblümt und direkt interviewt das Gelegenheitsmodel Politiker und Experten wie den Internetaktivisten Appelbaum, der durch sein Enthüllungsinterview mit Snowden bekannt wurde. Ob Peer Steinbrück, Jürgen Trittin oder Katja Kipping – vor ihm ist kein Politiker mehr sicher. Von Beschnitt hält er nicht viel. Seine Gespräche gibt es uncut. Doch heute lässt er ausnahmsweise nichts erklären, er ist selbst an der Reihe und weiht mich in die Kunst des Action-Rennspiels GTA ein.

Tilo, warum ist Politik deine Nische?

Ich habe kein Spezialgebiet. Bei Jung&Naiv wollte ich politische Gespräche führen. Wir haben zur Web-Konferenz Re:publica auch sechs Folgen „Republica für Desinteressierte“ gedreht, die nicht primär den Fokus Politik hatten. Es ist gerade im Augenblick der Fall, dass wir über Politik reden, bis es mir zu langweilig wird oder ich schon jeden interviewt habe. Gerade bevor du angerufen hast, habe ich die 88. Folge online gestellt.

Waren die Bundestagswahlen dieses Jahr der Anlass für dein Politik-Talk-Format?

Sie wurden zum Thema, weil ich die letzten Jahre frustriert war. Ich bin von der deutschen Medienlandschaft sehr enttäuscht. Ich wollte ein Zeichen setzen und es anders machen. Dass meine Videos so erfolgreich sein würden, war mir nicht klar.

Was regt dich auf?

Den Bürgern wird Politikverdrossenheit vorgeworfen. Aber das Problem sind nicht die Menschen, sondern die Massenmedien. Sie wollen nicht mehr erklären, wie Politik funktioniert, etwa warum wir Waffen ins Ausland zu Diktatoren schicken. Es kommt hinzu, dass die Sprache der Politiker in den Medien übernommen wird. Es wird gar nicht mehr übersetzt. Sie reden in einer Sprache miteinander. Die Wähler sind völlig irrelevant geworden. Der Wahlkampf ist das beste Beispiel.

Ist das Problem nicht, dass keiner mehr Position beziehen will?

Hauptaufgabe von einem Journalisten ist es, eine Haltung zu haben. Das beste Handwerk nützt sonst nichts.

Wie ist deine Haltung?

Die kann sich jeder selbst auslegen. Man sollte sich nicht labeln lassen, damit macht man es anderen zu einfach. Der eine denkt ich bin ein Liberaler, der andere ein Linker oder Konservativer. Das muss ich ja nicht befeuern. Man muss auch nicht überall eine Haltung vertreten, aber da, wo man meint, dass Bullshit herrscht, sollte man das sagen.

Braucht es nach den Bundestagswahlen noch Jung & Naiv?

Auf jeden Fall. Ich finde den Wahlkampf sehr störend. Er überhöht so vieles. Es werden auch von anderen Medien gute Formate produziert, doch durch Sendungen wie das Kanzlerduell bestimmen die Massenmedien wo es langgeht – dabei haben wir kein Zweiparteiensystem.

Aber zwei sehr Dominante Parteien.

Dank der Medien. Wenn so über die Vergangenheit der SPD und CDU der letzten 30 Jahre berichtet werden würde, wie über die der Grünen aktuell, hätte man wahrscheinlich eine ganz andere politische Stimmung. Wenn man die Spendenaffäre der CDU, die erst 15 Jahre her ist, mal wieder hochholen würde, anstatt die Pädophilie-Debatte. Es wirkt für mich gesteuert, wenn eine Woche vor der Wahl noch einmal die Grünen gebasht werden.

Du arbeitest als freier Journalist, kannst du davon leben?

Für „Jung & Naiv“ habe ich nach 10 Folgen auf YouTube das Feedback bekommen, ich soll doch weitermachen, aber mit besserer Technik als nur meinen Handy-Videos. Dafür hat das Geld gefehlt. Macht doch Crowdfunding hieß ein Vorschlag. Ich wollte eigentlich 2.500 Euro für eine neue Kamera und guten Ton haben. Am Ende sind es 5900 Euro geworden. Mittlerweile kann ich von Jung & Naiv leben, da wir einen Fernsehsender haben, der uns bezahlt und wir von Google gesponsert werden.

Wer ist wir?

Mittlerweile sind wir zu dritt. Mein Produzent Alex Theiler und seit eineinhalb Monaten ist Hans Hütt noch dabei.

Google sponsert euch, ist das nicht verwerflich?

Ich bin unabhängiger als jemals zu vor, weil ich mich jetzt nicht auf den finanziellen Aspekt konzentrieren muss, etwa wie ich meinen Unterhalt bestreite. Ich bin freier, weil ich damit Geld verdiene. Weder der Sender Joiz noch Google haben redaktionelle Eingriffsmöglichkeiten. Ich würde mal behaupten, dass die Redakteure der FAZ und der Süddeutschen, die das bemängeln, viel unfreier sind als ich.

Die Medienkritik schlägt aus zwischen jungem, naivem Erklärbär bis Revolutionär des Journalismus auf YouTube. Wie gehst du damit um?

Kollegen unterstützen mich in allergrößter Form. YouTube bedankt sich, dass meine Videos so lang sind. Mit negativen Kritiken kann ich umgehen. Man fragt sich nur, warum manche Leute eine Folge ansehen und darauf hin eine Sendungskritik schreiben.

Warum sind deine Videos so lang?

Es ist ein Gespräch und kein taktisch geführtes Interview, bei dem ich bei der zehnten Frage hammerhart werde. Ich will ein Gespräch führen, das sich natürlich entwickelt. Was mich bei Medien und Interviews stört, ist, dass sie kürzen. Das mag auch aus Platzgründen geschehen. Aber sie entscheiden damit vorab, was wichtig ist. Ich möchte Informationen an die Hand geben, aber nicht entscheiden was für den Zuschauer relevant ist. Für die Ausstrahlung im Fernsehen wird die Sendung jedoch auf 20 Minuten gekürzt. Auf Youtube gibt es sie uncut.

Machst du es dir nicht zu leicht mit deinen naiven Fragen?

Das sind Stilmittel.

Erreichst du damit deine Zielgruppe, die „Desinteressierten“?

Ich habe keine Zielgruppe. Mir ist aufgefallen, dass besonders Leute die interessiert sind, diese Sachen gucken. Vielleicht, weil sie eine andere Art von Wissensvermittlung haben wollen. Ich weiß nicht, ob ich damit wirklich die Desinteressierten erreiche.

Tilo, du hast hochkarätige Persönlichkeiten interviewt. Stößt du deine Gesprächspartner mit deiner lockeren Art nicht vor den Kopf?

Bis vor zwei Wochen war das nie ein Problem. Es gibt natürlich Politiker, die das Duzen komisch finden, sich daran aber schnell gewöhnen. Bei unserem Termin mit Wolfgang Thierse musste das Gespräch jedoch abgebrochen werden, weil ihm das nicht gefiel.

Du nimmst einen großen Platz in deinen Interviews ein. Geht es dir eigentlich nur um das Rampenlicht?

Das ist die Figur von Tilo bei Jung & Naiv, sonst würde das Format nicht funktionieren. Abseits der Sendung bin ich eine andere Person.

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Zum Youtube-Channel von Jung & Naiv

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There are 7 comments

  1. Tobi

    Jung: „Hauptaufgabe von einem Journalisten ist es, eine Haltung zu haben.“

    Interviewerin: „Wie ist deine Haltung?“

    Jung: „Die kann sich jeder selbst auslegen.“

    Gehört es nicht zu einer Haltung, sie auf Nachfrage auch zu benennen?

    1. Tilo

      Ich hätte wohl einfach „rechts-von-der-Mitte“ oder sowas antworten sollen, weil jeder hier und überall dasselbe damit anzufangen weiß. Grotesk.

  2. ufkub

    In einem Beitrag eine Haltung zu haben, heißt ja nicht gleich, diese Haltung ein Leben lang vor sich herzutragen. Es muß ja auch nicht immer die gleiche Haltung sein.

  3. Verena Radbruch

    Liebe Natalie, lieber Tilo,

    das mit der Haltung teile ich. Was mich an der Politik stört, ist die zu starke Verortung in links, rechts oder wo auch immer. Diese Überbetonung lenkt davon ab, die Sachfragen in einer kontroversen (kann man bei der Groko selten feststellen) Debatte zu beleuchten, zu diskutieren und dann Bitteschön auch Lösungen zu präsentieren und UMZUSETZEN. Wir (mein Mann und ich) sind sicher schon wesentlich älter als die meisten Leser hier (56/49), sind es aber mittlerweile so leid die öffentlich-rechtliche teilweise schon Desinformation zu ertragen, dass wir uns im Netz informieren. Daher danke, dass es Euch gibt und weiterhin viel Erfolg!

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