Carl Jakob Haupt: „Mit allem und ohne Gummi.“

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Carl Jakob Haupt und David Karl Roth kennen sich noch aus ihrer Schulzeit in Kassel. Ein Politikwissenschaftler und ein Modejournalist haben sich zusammengetan. Sie sind beide 28 und mischen seit 2009 unter ihrem Pseudonym Dandy Diary kräftig die Modebloggerszene auf. Provokativ, schockierend, anders – aber heben sie sich wirklich vom Mainstream ab oder verkörpern sie ihn?

Aufsehen erregen sie vor allem durch ihre unverblümte Schreibweise, den Mut bei Kritik kein Blatt vor den Mund zu nehmen und ihre legendäre Parties und verrückte Aktionen. Wieso sollte man nicht mit einem Elefanten zur eigenen Party angeritten kommen und wenn schon Fashion Week Party, dann muss es schon „Punk“ sein, im besetzten Haus mit Dixi-Klos. Ihren Blog Dandy Diary, den sich die beiden Blogger seit einigen Jahren zielstrebig aufgebaut haben, nutzen sie nicht nur als ihr persönliches Meinungsmedium, sondern auch als Plattform zur Verwirklichung ihrer abgedrehten Ideen. Es scheint als wäre nichts vor ihnen sicher, nicht einmal die Backstreet Boys. Sie durften als Weihnachtswinterparodie-Vorlage herhalten, dafür ging es sogar mit zehnköpfigem Team nach Tschechien zum Filmdreh.

Eines der Partyhighlights auf der diesjährigen Fashion Week Herbst/Winter 2013 in Berlin war die Squat Party der Dandies, auf der sie es sich nicht nehmen ließen, sich Vorort noch das passende Tattoo zum Abend stechen zu lassen: Anarchie. Nach der Fashion Week habe ich mich mit dem in Hamburg lebenden Carl Jakob Haupt zum Skype-Interview verabredet.

Ein Gespräch mit Jakob über Mode und Prostitution.

Jakob, du hast Politik studiert, wie kommst du dann zur Mode? Was haben Mode und Politik für dich gemeinsam?

Mode und Politik haben eigentlich nicht so richtig etwas miteinander gemein. Da ich aber immer schon für Zeitungen geschrieben habe, war es dann recht leicht und vor allem eine nette Abwechslung, mal über Mode zu schreiben. Es ist ja auch eine ganz angenehme Szene in der man sich da bewegt, mit vielen schönen Menschen und viel Champagner. Das Gute an der Modebranche ist doch, dass man nicht übermäßig begabt sein muss, um da ein bisschen Aufstand zu machen. Das Niveau ist dort schon anders als in der Politik. Aber das sollte nun wirklich niemanden überraschen. 

Wie kam es, dass ein Modeblogger und du euch zu dem Blog „Dandy Diary“ zusammengetan habt?

Die Idee kam von David. Wir sind zusammen zur Schule gegangen, sind also schon ewig befreundet. Er hat mich dann irgendwann gefragt, ob ich nicht mitmachen möchte. Er hatte sich in der Modeszene schon etabliert, ich kam dann sozusagen als Quereinsteiger dazu. Das hat ganz gut geklappt. Ich denke, da hätten es Modejournalisten schwerer die nun über Politik schreiben wollten als anders herum. Es ist ja doch nur Mode.

Du bist ja nicht nur für „Dandy Diary“ tätig, siehst du dich als Blogger, Journalist oder …?

(Er lacht.) Journalist – das war ich mal, aber das habe ich hinter mir gelassen. Das ist schließlich out. Für den Wirtschaftsteil von Zeitungen wie Financial Times zu schreiben und Leuten zu erklären was bei Recht und Steuern so los ist – das ist echt langweilig. Da sind mir bunte Themen wirklich lieber, da sie auch näher an der Lebenswirklichkeit dran sind. Und natürlich bin ich Blogger. Ich weiß gar nicht, warum sich so viele gegen diesen Titel wehren. Ich habe einen Blog. Also bin ich ein Blogger. Punkt. Das heißt aber natürlich nicht, dass ich meinen gesamten Lebensunterhalt damit bestreite. Mit Freunden veranstalte ich unregelmäßig höchst wilde Partys in Berlin und Hamburg und arbeite frei als Markenberater für ganz große Unternehmen, die nichts mit Mode zu tun haben. Arbeitstechnisch geht aber ganz klar die meiste Zeit für Dandy Diary drauf. Allein schon, weil das am meisten Spaß macht.

Auf eurer Punk Fashion Week Party gab es nur Dixi-Klos. Wolltet ihr den Modebloggern damit eins auswischen?

Das hat dir nicht gefallen? Wir hatten keine andere Wahl Dixi-Klos aufzustellen, das hat aber natürlich sehr gut in unser Punk-Konzept gepasst. Das war nun mal ein besetztes Haus, in dem die Party stattgefunden hat. Dort gab es schlicht kein fließendes Wasser – also auch keine funktionierenden Toiletten. 

Während der Fashion Week ist aber noch mehr passiert. Ich habe gehört die Dandys und Michalsky sind nun Freunde?

Nach dem Michael Michalsky, der ehemalige Adidas-Designer mich in den vergangenen Saisons immer wieder von seiner Gästeliste hat streichen lassen, standen wir offen auf Kriegsfuß mit ihm. Das war super! Aber dieses Jahr haben wir uns dann mal wieder über den Backstage-Eingang auf seine Party geschlichen. So wie wir das früher, als wir noch keine Einladungen zu irgendwelchen Fashion Shows bekommen haben, auch immer gemacht haben. Wir dachten, dass wir unerkannt blieben, doch dann kam uns eine Freundin entgegen und meinte: „Michalsky weiß, dass ihr hier seid.“ Da blieb uns nicht viel anderes übrig, als die Flucht nach vorn. Wir haben ihm eine Friedensbotschaft zukommen lassen und wollten Schnappo mit ihm trinken. Das haben wir dann auch gemacht – und uns blendend verstanden. Seither lieben wir Michalsky. So einfach ist das manchmal.

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Es gibt unzählige Modeblogger die gutes Geld mit Sponsored Posts verdienen, wie behält man sich in dieser Branche seine Glaubwürdigkeit bei? Doch nicht nur, indem man sagt, auf welche Mode-Shows man nicht geht?

Wir gewinnen definitiv an Glaubwürdigkeit dadurch, dass wir auch Negatives in der Mode Branche ansprechen, was nicht immer zu unserem Vorteil ist. Für mich ist es kein so großes Problem – da ich auch woanders noch enorm viel Geld verdiene. Für David hingegen gestaltet es sich schwieriger, da er noch für fashiondaily.tv arbeitet, ein Online-Mode-TV. Ihm wurden schon mehrere Interviews abgesagt, aufgrund von negativen Artikeln, die wir veröffentlicht haben. Das ist schon ein gewisses Risiko, das er dadurch eingeht. Ich wünsche mir schon, dass das Berücksichtigung findet, bei der Bewertung unserer Glaubwürdigkeit.

Im Endeffekt schreiben wir aber nichts Schlechtes, um der Sache willen, sondern ganz einfach weil wir es schlecht finden. Eine Sache, die uns aber zu blöd geworden ist – war die Werbung auf der Website, die wir nun aus ästhetischen Gründen abgeschaltet haben. Die war einfach hässlich. Das gibt locker nochmal zehn extra Punkte auf der Glaubwürdigkeitsskala.

Wie viel haben euch die Backstreet Boys für das Video gezahlt, das ihr Weihnachten online gestellt habt?

Dieses Video, das eigentlich nicht mehr als ein schlechter Scherz war, ist uns alles in allem ziemlich teuer zu stehen gekommen. Anreise, Filmdreh und eine Unterkunft, die wir nicht im besten Zustand zurückgelassen haben. Und das Thema Schadensersatz ist aufgekommen. Alles in allem verdienen wir an so etwas dann kein Geld – sondern zahlen eher echt viel. Wir können das aber ganz gut ausgleichen. Immerhin bekommen wir manchmal Geld zugesteckt, wenn wir über Fashion Shows in London oder so schreiben. Das sind immer Dinge, über die wir sowieso schreiben würden, wo wir uns dann aber natürlich doppelt freuen, wenn wir dafür auch noch massive Summen bekommen. 

Neulich erst haben wir herausgefunden, dass wir der teuerste deutsche Modeblog sind. Für einen Beitrag bei uns, kann man sich etwa fünf Beiträge bei den Kollegen kaufen. Wir sind damit der Ferrari unter den Blogs. Nicht schön, aber teuer – und geil!  

Ihr gebt euch schon viel Mühe mit euren Aktionen – muss man in der Mode schockieren, um erfolgreich zu sein?

Ich finde nicht, dass man schockieren muss, um erfolgreich zu sein – es gibt genügend Gegenbeispiele. Wer zum Beispiel nicht schockiert und trotzdem Erfolg hat ist Kilian Kerner. Bei ihm würde man sich das schon mal wünschen und ihm entgegen schreien: Mach doch mal was Verrücktes, Junge! 

Mittelmaß ist immer erfolgreich – das ist der eigentliche Horror. Wir machen einfach das, worauf wir Bock haben und das ist manchmal vielleicht schockierend. Es ist jetzt aber nicht immer unsere Intension „krass“ zu sein. Wenn wir etwas machen, möchten wir es halt so radikal wie möglich durchziehen. Maximal radikal. Im Bezug auf unsere Party haben wir das „Punk sein“ eben mehr gezeigt, als das beispielsweise ein Designer in seiner mit „Punk“ betitelten Kollektion je machen würde. Aber wenn es bei uns das Thema ist, dann muss das Haus eben besetzt sein, in dem die Party stattfindet, dann muss eine waschechte Punk-Band richtig laute Terror-Musik spielen, dann muss es Flaschenbier geben – und dann schneiden wir uns auch einen Iro, färben den bunt und lassen uns Anarchie-Zeichen tätowieren. Nur so macht das doch Spaß. Alles andere ist zu langweilig, für dieses kurze Leben.

Was sagst du zu Champagner-Flaschen Präsenten? Und wie viele Flaschen bekommen wir eigentlich für diesen Artikel von euch?

Das ist recht furchtbar, wie Unternehmen versuchen Blogger mit kleinen Geschenken wie Champagner-Flaschen zu ködern. Das war vor ein paar Jahren bei uns ja ein prominenter Fall, aber mittlerweile traut man sich nicht mehr, so dreist zu fragen, ob wir uns mit einem Produkt ablichten lassen. Das Bild mit David, mir und der besagten Champagner-Flasche, das uns in einer etwas unerwarteten Pose zeigt, hat damals schon für Aufruhr gesorgt. Nun, wir wollten damit ein Statement setzten. Sie haben ihr Foto bekommen – und wir haben der Welt gezeigt, was wir davon halten. Die Flasche haben wir aber selbst gekauft. In Paris. Und dann auch getrunken. Ich habe hier übrigens noch einige – von meinem Geld gekaufte – Champagner-Flaschen stehen, die können wir gerne köpfen, wenn du Mal in Hamburg bist, Natalie.

Prostituiert ihr euch für euren Blog – Fame oder Geld?

Ja, bald wieder. Viel mehr kann ich noch nicht verraten, als vielleicht: Sommer Fashion Week, Sommerparty, Prostitution. Es geht dabei natürlich weder um Fame noch um Geld. Das haben wir beides sowieso schon mehr als genug. Wir prostituieren uns ausschließlich für die Umsetzung unserer Ideen. Dafür dann aber auch so richtig mit allem und ohne Gummi. Bare Back!

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Eindrücke von der Dandy Diary Squat House Party:

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There are 3 comments

  1. eisee8sch

    Super interessant, dass er bei dem Interview „untenrum nackt“ auf seinem Bett saß, der wilde Typ, der wilde. Was hat er sonst noch gemacht bei der Gelegenheit? Komm‘, raus mit der Sprache, wenn er doch schon „untenrum nackt“ war …

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