Weiße Tennissocken und Fremdscham:
Der Deutsche Pavillon auf der Biennale
in Venedig

Ein Abstecher auf die Biennale nach Venedig in den deutschen Pavillon. Der Ausstellungstext verspricht Selbstbefriedigung und Kapitalismuskritik – eine Provokation die das Bildungsbürgertum in Massen lockt.

Sonne. 33 Grad. Tropenfeuchte. Die Grillen zirpen laut. Wir befinden uns in einer Menschenschlange vor einem weißen Steintempel mit wuchtigen eckigen Säulen. Oben der Schriftzug: GERMANIA. Ein Zwinger ziert die Front. Ich zähle zwei schokoladenbraune Dobermänner, die stillschweigend ihren Käfig abwandern und dann wieder faul in der Mittagssonne liegen. Der deutsche Pavillon – ein Prachtkerl. 1934 wurde das Gebäude nach nationalsozialistischem Stil umgebaut. Hitler lässt sich im selben Jahr stolz davor ablichten. In der Auseinandersetzung ist dieser Aspekt immer noch ein Handicap, mit dem die Künstler versuchen umzugehen. So auch dieses Jahr Anne Imhof, mit Gewalt, Sex und Kapitalismus bespielt sie den Nazibau.

Da stehen wir also in der Schlange, drückend legt sich schwüle Meerluft auf die venezianischen „Giardini“. Wir haben uns noch kein Stück vorwärtsbewegt. Eine Mitarbeiterin weist die letzten Glieder der langen Warteschlange darauf hin, dass sie die Performance „Faust“ von Anne Imhof vielleicht nicht mehr sehen werden: „I can’t promise that you will get in, the line is very slow today“. Die japanische „Smart-Travel“-Reisegruppe vor mir lächelt nur und macht ein Selfie von sich mit ihrem „Smart-travel“-Banner.

Weiße Tennissocken und fränkische Sportklamotten

Wir warten also weiter vor dem weißen Klotz. Alle wollen die Vollendung der deutschen Ernsthaftigkeit im Inneren sehen. Einige kämpfen sich dafür durch die Masse, um zwischen den Säulen einen Blick in den Raum zu erhaschen. Doch die Neugierigen sehen nur andere Besucher, die durch ihre Smartphones auf den Boden starren. Denn dort, unter dem eingezogenen Glasboden findet die Performance statt. Anne Imhofs Tänzer führen „Faust“ auf. In weißen Tennissocken und fränkischen Sportklamotten untersuchen die Kunststudenten wie der Körper auf Gewalt reagiert. „German Angst goes Hipster“ titelt das ZDF. Ein furchtbar schlechter Titel, aber trotzdem irgendwie passend.

Eliza Douglas in
Anne Imhof, Faust, 2017
Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia
© Fotografie: Nadine Fraczkowski
Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Alle Handlungen sind fokussiert, aber rätselhaft. Mit starrem konzentrierten Blick kämpfen die Subjekte gegen das Objekt-Sein, mal als Individuum, mal als Gruppe. Für jeden der Performer gibt es eine eigens für die jeweilige Stimme geschaffene Komposition, inspiriert durch Olivier Messiaens Quartett „Das Ende der Zeit“. Doch auch wenn sie gemeinsam singen, bleibt jeder für sich. Ab und zu suchen sie den Blickkontakt mit dem Publikum. Sie nehmen einen wahr, aber ohne auf das Gegenüber zu reagieren. Die Performance dauert insgesamt fünf Stunden, für den Otto-Normal-Besucher der Biennale gibt’s die zwei Stunden Sparversion.

Die Parallelperformance

Während sich die Tänzer im Inneren in Ektase tanzen, entwickelt sich unter den Wartenden eine Art Parallelperformance. Die Warteschlange scheint von einer unsichtbaren Kraft gelenkt zu werden. Dabei hat jeder Besucher, beziehungsweise jede Gruppe eine fest zugewiesene Rolle. Da wäre einmal die Mitglieder der asiatischen Reisegruppe vor mir, ich nehme an sie kommen aus Korea, auf jeden Fall reisen sie im ganzen Pulk – auch die unter zehn-Jährigen sollen die Tänzer von Imhof schwitzen sehen. Die koreanische Familie vor mir macht ungefähr zwei Drittel der Schlange aus. Weil die Sonne heiß vom Himmel brennt und sie im Schatten stehen wollen, lassen sie 10 Meter große Lücken. Genervt frage ich, ob sie denn noch in der Schlange stehen.

Deutsche schämen sich gerne fremd

Direkt hinter mir taucht irgendwann plötzlich eine Deutsche Frau mit ihrem Sohn auf. Sie ist ebenfalls sichtlich genervt und fragt das Mädchen, welches zuerst hinter mir stand, ob sie schon die ganze Zeit in der Schlange war. Sie bejaht, doch die Deutsche ist nicht befriedigt, sie verdreht die Augen und geht mit den Worten „Wir kommen morgen nochmal wieder.“ Dann gehen zwei deutsche Frauen an mir vorbei: „Das ist ja vergeudete Lebenszeit sich hier anzustellen“, nölt die eine laut, „So toll war es echt nicht.“ Der oberflächige Konsum der Performance hat sie offensichtlich nicht überzeugt, hätte sie sich Gedanken über die Binnenlogik von Imhofs Werk gemacht, wäre das Urteil sicher ein anderes als „Nicht so toll“. Typisch deutsch eben, vom Pavillon bis zu den Besuchern und mich eingeschlossen natürlich. Wir schämen uns ja am allerliebsten für unsere eigenen Landsfrauen und –Männer.

Ein Performer in roter Sporthose kommt plötzlich aus dem inneren des Pavillons und unterbricht meinen Gedankengang. Zielstrebig geht er zu dem circa drei Meter hohen Zaun des Zwingers und klettert ihn hoch, um sich dann rittlings oben drauf zu setzen. Die Schlange löst sich auf und formiert sich in einer Traube um „die Kunst“, alle Smartphones werden auf ihn gerichtet. Der Tänzer fügt sich seiner Rolle und schaut emotionslos in die Ferne. Dann klettert er auf der anderen Seite des Zauns wieder herunter und geht schnurstracks wieder in den Tempel. Die Traube löst sich in gewohnter Ordnung wieder auf. Wenige Minuten später stehen wir endlich am Eingang. „The performance is almost over“ – die Performance ist fast vorbei – verkündet der Türsteher.

Eliza Douglas und Lea Welsch in
Anne Imhof, Faust, 2017
Deutscher Pavillon, 57. Internationale Kunstausstellung– La Biennale di Venezia
© Fotografie: Nadine Fraczkowski
Courtesy: Deutscher Pavillon 2017, die Künstlerin

Als ich den Pavillon betrete, stehen die Besucher um die sitzenden Tänzer in der Mitte der Tempelhalle herum. Eine Tänzerin steht auf und Schweiß fließt in einem Schwall aus ihren Shorts. Sie sucht sich ein Publikumsopfer und blickt es starr an. Der Person ist das sichtlich unangenehm, sie hält dem Blick nicht stand. Da wird es niedergestarrt das Bildungsbürgertum – die Performance als pures Entertainment und nicht als Kritik sondern Teil des kapitalistischen Systems, zu dem sich diese Kunstform entwickelt hat.

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