Lichtkunst im Heizkraftwerk

IMG_8593Rattern, das nach alten Kinofilmen klingt, begrüßt mich in der Eingangshalle des Berlin Atonal. Fünf alte, aber gut erhaltenen Projektoren von Pedro Maia formieren sich zur Installation „Wasteland“, auf der Spulen mit Filmen laufen, die aus Resten produziert sind. Sie animieren die Besucher zu Schattenspielen vor den Leinwänden: Schattentiere und menschliche Silhouetten wechseln sich je nach Interaktion der Betrachter ab. Auch ich werde ertappt, wie ich mit den Umrissen meiner Selbst spiele und dabei von einem jungen Mann fotografiert werde.

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„Susurrus Lights“ von den Laytbeuis

Weiter hinten blinkt und klimpert es bei der Installation „Susurrus Lights“ des Trios Laytbeuis – Sascha Jungbauer, Felix Buchholz und Jonas Beile – Studenten der Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Töne, die Gänsehaut hervorrufen, prägen das Festival. Sie sind bei „Susurrus Lights“ nicht ausgespart. Neonröhren hängen wie Mobiles von der Decke. Wenn das Licht, manchmal auch nur für wenige Sekunden, ausgeht, schallen elektronisch klackende Töne vom Keller in die Halle. Diese mischen sich mit Krach, Noise, technoiden Bässen der Hauptbühne, die bis ins Erdgeschoss tönen.

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Fast ausschließlich schwarz gekleidete Menschen sind hier anzutreffen: Die Besucher tragen kurze, lange und zum Teil transparente Kleidung sowie Stiefel und Plateauschuhe. Sonst ist der ehemalige Punkcharme nicht verflogen. Die wildesten Frisuren begegnen mir: Von ab- bis teilrasierten Köpfen mit Dreiecksformen am Hinterkopf über blaue, grüne Haare, die man von Tumblr-Bildern kennt. In den Hallen des ehemaligen Heizkraftwerk werden die visuellen Reize zwischen Beton und Stahl ausgeschöpft. Im Hintergrund läuft der passende Soundtrack. Im Keller, Erdgeschoss und der Tanzebene sind insgesamt sechs Installationen eingebettet. In den versteckten Kellerräumen begegne ich „Mecanology in 4 Rooms“ des Franzosen Pierre Bastien. Kleine Konstrukte aus Zahnrädern, Hammer, Teekessel, Schere und anderem Werkzeug, die sich auf und ab bewegen und jedes für sich andere atonale Klänge erzeugt.  

„Mecanology in 4 Rooms“ Pierre Bastien

„Mecanology in 4 Rooms“ Pierre Bastien

In Dunkelheit getaucht, wirkt das Heizkraftgemäuer ganz anders, als ich es von der Kunstmesse Berliner Liste kenne. Am auffälligsten in dieser düsteren Landschaft waren jedoch die in zartrosa Shirts gekleideten freiwilligen Helfer. Befreundete Musikjournalisten von Spex, Electronic Beats und taz treffe ich dort an – es lässt sich aber auch der eine oder andere Medienkünstler, neben Touristen aus den USA und Europa, an der Bar treffen. 

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„Dark Flow“ von der Berliner Gruppe Transforma

Sehr beeindruckend war das schwarzfließende Wasser „Dark Flow“ von der Berliner Gruppe Transforma, die schon mit Apparat auf Tour war. Auf die pechschwarze Wasserfallsimulation – bestehend aus Glycerin, Pumpen und Licht – wurden mehrere Kameras gerichtet, die auf drei großen Leinwände Bewegungen in Echtzeit abgebildet haben. Eine Etage darüber: verstörende Loopvideos von Rainer Kohlberger, er setzte die Besucher Flimmern und grellen Tönen aus. Ihm war ein ganzer Raum zugesprochen, indem ich es aber nicht länger als fünf Minuten ausgehalten habe. Die Mischung aus den hellen, schnell wechselnden Bildern und lärmenden Tönen war zu viel für mich; im Gegensatz zu anderen, die mit geschlossenen Augen meditativ vor der Leinwand saßen oder sich an die hintere Wand lehnten und sich küssten. So unangenehm dieses Video ist, hat es mich an den weiteren Festivaltagen trotzdem noch einmal hineingezogen.

Was mir an Kunst begegnet ist, folgte der Umschreibung von atonal – Musik deren harmonischer Verlauf nicht auf einen Grundton basiert – ein Versuch mit Grenzen zu brechen.

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